On-Produktion in Indonesien
Teure Schuhe,
billige Arbeitskräfte
– und eine mutige
Gewerkschaft
«Als ich hörte, dass die Kündigungen rückgängig gemacht werden, musste ich weinen.» Der 30-jährige Suryana, ist Schuharbeiter aus Cirebon auf der indonesischen Insel Java, Sekretär der lokalen Gewerkschaft SBDI-KASBI und Vater einer eineinhalbjährigen Tochter. Elf Monate ist er zu diesem Zeitpunkt schon ohne festen Lohn. Die Schwiegereltern, bei denen die junge Familie wohnt, unterstützen sie, damit sie das Nötigste fürs Leben hat.
Es ist Montag, der 6. April 2026, als Suryana – auf Java haben die Menschen in der Regel keine Familiennamen, sondern nur einen oder mehrere Vornamen – dies erzählt. Er sitzt auf einem Plastikstuhl vor dem Café neben dem Eingang der Fabrik Yihong. Es ist ein besonderer Moment: Nachdem die ersten 40 entlassenen Gewerkschafter*innen eineinhalb Monate zuvor wiedereingestellt wurden, kehren heute die letzten 24 an ihre Arbeitsplätze zurück
«Als ich hörte, dass die Kündigungen rückgängig gemacht werden, musste ich weinen.»
- Suryana, Fabrikarbeiter
Nun wieder offen, auch für Gewerkschaftsmitglieder: Eingangstor zur Fabrik PT Yihong
Nun wieder offen, auch für Gewerkschaftsmitglieder: Eingangstor zur Fabrik PT Yihong
«Stop Union Busting» steht auf Indonesisch auf den T-Shirts der Gewerkschaft SBDI-KASBI.
«Stop Union Busting» steht auf Indonesisch auf den T-Shirts der Gewerkschaft SBDI-KASBI.
Der grosse Tag: Gewerkschafterinnen ...
Der grosse Tag: Gewerkschafterinnen ...
... und Gewerkschafter treffen sich am 6. April 2026, als die letzten von ihnen wiedereingestellt werden, vor der Fabrik.
... und Gewerkschafter treffen sich am 6. April 2026, als die letzten von ihnen wiedereingestellt werden, vor der Fabrik.
Kurz nach 7 Uhr morgens treffen die ersten Arbeiter*innen mit ihren Motorrollern vor dem Fabriktor ein. Rund ein Dutzend von ihnen sitzen oder stehen vor dem Café, alle in weinroten Shirts, auf denen vorne das Gewerkschaftslogo mit gelbem Stern prangt.
Hinten steht in grossen Lettern über zwei gegeneinanderstossenden Fäusten: «Lawan Union Busting», «Stop Union Busting» – der Begriff steht für das Bekämpfen und Zerschlagen von Gewerkschaften. Der Stolz auf das Erreichte und die Erleichterung und Freude darüber sind beinahe mit Händen zu greifen. Punkt 7.30 Uhr schieben Wachleute das schwere Eisentor auf, die Arbeiter*innen strömen in die Fabrik.
Dass es so weit gekommen ist, dass sie nun wieder an den Maschinen der Schuhfabrik stehen, hat kaum jemand von ihnen mehr für möglich gehalten. Auch Syarip Aripin sagt im Gespräch, dass ihm kein anderer derartiger Fall bekannt ist.
Syarip ist Experte bei der indonesischen Organisation Lips, die Studien zu Themen rund um Arbeiter*innenrechte publiziert und sich auf politischer Ebene dafür einsetzt. Alles andere als unüblich sei jedoch, so der Wissenschaftler weiter, wie Yihong reagiert habe, als sich Anfang 2025 die Gewerkschaft zu formieren begann.
Yihong ist in chinesischem Besitz, wie viele andere Bekleidungs- und Schuhfabriken im Land. Der riesige Betrieb ist ein Zulieferer für noch grössere Fabriken, die direkt für die grossen Sportmarken dieser Welt produzieren. In diesem Fall sind es Brooks, New Balance, Under Armour, Asics – und auch der schweizerische Senkrechtstarter On. Zusammengesetzt werden die Laufschuhe beim direkten On-Zulieferer Long Rich. Der Sublieferant Yihong ist spezialisiert auf aufwendige Aufdrucke und Färbprozesse, für die es besondere Maschinen und Fertigkeiten braucht.
Swiss Engineering
made in Indonesia
Suryanas Aufgabe ist das manuelle Anbringen von Aufdrucken, dazu gehört auch der Schriftzug «Swiss Engineering» auf Schuhen der Marke On. Er ist genauso Made in Indonesia wie das Schweizerkreuzchen, das auch die in der Schweiz verkauften Schuhe zieren darf, seit On im März das Institut für Geistiges Eigentum mit massivem Druck zum Einlenken gebracht hat.
Das Geschäft läuft, und wie: Im Geschäftsjahr 2025, in dem On ihr 15-jähriges Bestehen feierte, wuchs der Umsatz um sagenhafte 36% auf erstmals über 3 Milliarden Franken.
Made in Switzerland sind dabei zwar das Design und – vielleicht noch wichtiger – das Marketing. Die Schuhe selbst aber werden von Arbeiter*innen in Asien hergestellt – zu Monatslöhnen, die in etwa dem entsprechen, was ein einzelnes Paar der Schuhe bei uns kostet. Kein Wunder: Von den rund 200 Franken für ein durchschnittliches Modell gehen gerade mal 20 bis 25 Franken an die Firma, die den Schuh produziert. Die exorbitante Marge beschert den Besitzer*innen Millionengewinne – und den Arbeiter*innen ein Leben am Existenzminimum.
Über 50% arbeiteten ohne schriftlichen Vertrag
Alles begann Ende Januar 2025. Seit drei Jahren ist die Fabrik Yihong in Cirebon zu diesem Zeitpunkt in Betrieb, und die Unzufriedenheit unter den Arbeiter*innen wächst. Die Klagen reichen von Belästigungen durch Aufseher bis zu unbezahlten Überstunden. Über die Hälfte der Belegschaft arbeitet ohne schriftlichen Vertrag.
Das Verweigern gesetzlich vorgesehener Kurzarbeitsentschädigungen ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Zusammen mit Kolleg*innen meldet Suryana die Verfehlungen dem Arbeitsinspektorat. Wenige Tage darauf gründen sie die SBDI als Ableger der nationalen Gewerkschaft KASBI.
Das Fabrikmanagement reagiert umgehend, so, wie es in Indonesien oft geschieht: Angestellte werden gedrängt, sich einer eilig gegründeten firmengesteuerten Gewerkschaft anzuschliessen. In mehreren Wellen werden Arbeiter*innen entlassen, die sich weigern, ihre Mitgliedschaft bei SBDI-KASBI zu kündigen. Anfang März spitzt sich die Lage zu. Nachdem Suryana, dem Vorsitzenden Krisma und einem weiteren leitenden Mitglied von SBDI-KASBI gekündigt wurde, kommt es in der Fabrik zu spontanem Protest.
Am Morgen des 10. März stehen die Arbeiter*innen vor einem verschlossenen Fabriktor. Daran angeschlagen finden sie eine Liste. Sie enthält die Namen aller 1126 Angestellten des Betriebs, alle sollen entlassen werden. Tags darauf erklären die Besitzer, dass sie die Fabrik schliessen mussten: Aufgrund eines «illegalen Streiks» seien Aufträge storniert worden. Übereinstimmenden Schilderungen von Arbeiter*innen zufolge lief die Produktion jedoch in reduziertem Umfang weiter, mit auswärtigen Arbeitskräften, die in Lastwagen zur Fabrik gebracht wurden.
Social-Media-Kampagne gegen die Arbeiter*innen
In der Folge sehen sich die Entlassenen mit einer Social-Media-Kampagne konfrontiert, wie man sie bis anhin in Indonesien nur aus der Politik kannte. In einer offensichtlich konzertierten Aktion posten Influencer*innen Beiträge, die das Narrativ der Firmenleitung verbreiten: Die entlassenen Gewerkschafter*innen seien schuld daran, dass die Firma schliessen musste.
In den Medien werden die Gewerkschaftsmitglieder und entlassenen Arbeiter*innen von Yihong als Unruhestifter*innen dargestellt, die leichtsinnig die Wirtschaft der Region schwächen. Die Darstellung fällt auf fruchtbaren Boden. Denn die Region Cirebon, drei bis vier Autostunden östlich der Hauptstadt und Wirtschaftsmetropole Jakarta gelegen, zählt zu den sogenannten neuen Industriegebieten. Hier, im Zentrum und Osten von Java, betreiben die Regierung Indonesiens und die lokalen Behörden aktive Standortförderung mit dem Ziel, exportorientierte Industriebetriebe anzusiedeln.
Java ist eine der am dichtesten besiedelten Inseln der Welt und Zentrum der indonesischen Exportindustrie.
Cirebon, rund vier Autostunden östlich von Jakarta gelegen, ist eines der neuen Industriegebiete, wo die Löhne deutlich tiefer sind als in der Hauptstadt.
Der Sublieferant Yihong übernimmt Färbungsprozesse und das Anbringen von Aufdrucken. Zusammengesetzt werden die Schuhe beim direkten Zulieferer Long Rich.
Reisbäuerinnen und -bauern neben Fabrikmauern: Die Fabrik Yihong steht mitten in Landwirtschaftsgebiet.
Reisbäuerinnen und -bauern neben Fabrikmauern: Die Fabrik Yihong steht mitten in Landwirtschaftsgebiet.
Es ist ein neues Kapitel in der Geschichte, die in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Jakarta ihren Anfang nahm. Der indonesische Langzeitherrscher Suharto lancierte damals eine Politik der Ansiedlung exportorientierter Betriebe; ein Hauptanreiz waren niedrige Lohnkosten. Anfang der Nullerjahre, als die Bodenpreise und Löhne aufgrund der Entwicklung gestiegen waren, begann die Phase der Verlagerung: Entlang der Autobahn, die von Jakarta aus nach Osten führt, wurden in landwirtschaftlich geprägten Regionen neue Industriezonen geschaffen.
Die Entwicklung hatte und hat dramatische Folgen, wie unter anderem das Gewerkschaftsbündnis Asia Floor Wage Alliance (AFWA) in einer Studie eindrücklich beschreibt: Die Arbeitslosigkeit in den alten Regionen treibt Frauen in die Prostitution, Familien werden auseinandergerissen, Kinder sich selbst überlassen. Suryana appelliert eindringlich an die Verantwortung der Markenfirmen, die in Cirebon produzieren lassen: «Die Industrie verdrängt die Landwirtschaft und die Fischerei, von der die Menschen hier bisher gelebt haben. Ziehen die Firmen weiter, haben wir kaum mehr etwas, wovon wir leben können.»
In den neuen Industriegebieten lässt auch On seit 2023 Schuhe produzieren. Vietnam ist zwar weiterhin das wichtigste Produktionsland der Marke, unterdessen erfolgen aber bereits rund 10% der Schuhproduktion in Indonesien. Der Inselstaat ist für internationale Marken attraktiv: Im Gegensatz zu Vietnam, wo der Arbeitsmarkt heute weitgehend gesättigt ist, gibt es gerade in den neuen Industriegebieten eine grosse Zahl Arbeit suchender junger Menschen. Und die gesetzlichen Mindestlöhne sind in Indonesien noch einmal etwas tiefer als in Vietnam.
40 Fussballfelder
grosses Fabrikgelände
Auf Einladung von KASBI besuchen wir deren Büro bei der Fabrik Long Rich, ebenfalls im Bezirk Cirebon gelegen, rund 30 Kilometer von Yihong entfernt. Wobei der Begriff Fabrik etwas in die Irre führt: Das Gelände erstreckt sich über rund 55 Hektar, was in etwa 40 Fussballfeldern entspricht.
Es umfasst 29 Fabrikhallen, mehrere Bürogebäude, eine Moschee und eine Notfallklinik. Bei drei Hallen treffen wir auf ein grosses On-Logo. Anders als die Sublieferanten werben grosse Fabriken wie Long Rich offen mit ihren Auftraggebern. Ihre Namen sind meist auch auf Lieferantenlisten zu finden, die viele Markenfirmen online publizieren. Wie uns mehrere Expert*innen aus dem Gewerkschafts- und NGO-Umfeld in Indonesien bestätigen, halten diese in der Regel auch die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeiter*innenrechte ein – was bei den Zulieferfabriken oft nicht der Fall ist.
Am Sitzungstisch im KASBI-Gewerkschaftsbüro auf dem Areal von Long Rich, vor einer Wand, die mit linksaktivistischen Motiven und Sprüchen volltapeziert ist, berichten uns Gewerkschaftsvertreter*innen dennoch von gravierenden Problemen. Eine Arbeiterin, die zu ihrem Schutz hier nicht namentlich erwähnt wird, erzählt: «Im ganzen Gebäude herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung. Wegen der hohen Produktionsziele herrscht grosser Druck, die Aufseher schreien dich die ganze Zeit an.» Andere Arbeiter*innen bestätigen, dass dies im ganzen Areal der Fall sei, in allen Produktionshallen. Die formalen Arbeiter*innenrechte würden hingegen gewährt, Arbeitsverträge und die Vergütung von Überstunden seien korrekt, das Vereinigungsrecht werde respektiert.
Es klingt paradox, aber genau dies schürt auch Ängste. Die Gewerkschafter*innen befürchten, es werde bald dasselbe passieren wie in den alten Industriegebieten: dass die Marken ihre Produktion in Fabriken weiter nach Osten verlagern werden, wo noch keine Gewerkschaften etabliert und die Kosten tiefer sind.
Ein starker Treiber der Verlagerung sind die gesetzlichen Mindestlöhne, die sich von Region zu Region stark unterscheiden. KASBI und andere Gewerkschaften haben deshalb eine gemeinsame Kampagne namens «Gleiche Marke – gleiche Löhne» gestartet. Sie verlangt, dass Arbeiter*innen in den neuen Industriegebieten gleich viel verdienen wie ihre Kolleg*innen für die gleiche Arbeit in den alten. In Cirebon liegt der Mindestlohn aktuell bei 2,9 Millionen indonesischen Rupiah (IDR); das entspricht knapp 130 Franken pro Monat. Es ist gerade mal gut halb so viel wie in der Region Jakarta. Dort liegt er bei 5,7 Millionen IDR. Mit den Lebenshaltungskosten lässt sich die Differenz nicht rechtfertigen, wie Birga, bei KASBI Long Rich zuständig für das Thema Löhne, sagt: «Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs sind in Cirebon nicht günstiger als in Jakarta.»
Beim direkten Zulieferer Long Rich sind mehrere Hallen für die Herstellung von On-Schuhen reserviert.
Beim direkten Zulieferer Long Rich sind mehrere Hallen für die Herstellung von On-Schuhen reserviert.
Integriert in den Fabrikkomplex: Das Büro der Gewerkschaft KASBI auf dem Areal von Long Rich.
Integriert in den Fabrikkomplex: Das Büro der Gewerkschaft KASBI auf dem Areal von Long Rich.
Ein bisschen Revolution auf dem Fabrik-Areal: Zaenal, Vorsitzender von KASBI Long Rich im Gewerkschaftsbüro auf dem Fabrikareal.
Ein bisschen Revolution auf dem Fabrik-Areal: Zaenal, Vorsitzender von KASBI Long Rich im Gewerkschaftsbüro auf dem Fabrikareal.
Long-Rich-Arbeiter*innen bei der Mittagspause
Long-Rich-Arbeiter*innen bei der Mittagspause
«Ohne Überstunden reicht das Geld nicht.»
- Tita, Fabrikarbeiterin
Was es bedeutet, mit dem Mindestlohn über die Runden kommen zu müssen, erzählt die 21-jährige Tita beim Gespräch auf dem Teppich in ihrem Wohnzimmer. Mit ihrer Mutter lebt sie rund 10 Motorrollerminuten von der Fabrik Yihong entfernt. Tita arbeitet in der Produktion bei Yihong. Zum Zeitpunkt des Treffens Anfang April ist sie seit eineinhalb Monaten wiedereingestellt. «Ich bin sehr froh und dankbar darüber», sagt sie. Doch danach gefragt, wie sie mit den 2,9 Millionen IDR lebt, die sie jetzt wieder verdient, sagt sie geradeheraus: «Es reicht nicht. Die Lebenskosten in Cirebon sind einfach zu hoch.»
Früher habe sie sich den Lohn mit Überstunden aufgebessert. «Vor meiner Entlassung bin ich so auf 4 bis 5 Millionen IDR im Monat gekommen. Doch nur, weil die Firma die gesetzliche Vorgabe von maximal 50 Arbeitsstunden in der Woche nicht einhielt.» Nur so habe sie den Kredit für ihren Motorroller abzahlen können. Es ist ein Budgetposten, der schwer wiegt, denn ein einfacher Roller kostet um die 18 Millionen IDR, also rund sechs (Mindest-)Monatslöhne. Und doch kommt kaum jemand hier um ihn herum, denn es gibt keinen funktionierenden öffentlichen Verkehr.
Tita legt uns ihr Budget offen: 700’000 IDR des Lohns zahlt sie ihren Eltern, 500’000 IDR ihrer Schwester, die noch zur Schule geht. Der Rest geht für Essen, Körperpflege, Benzin für den Roller und weitere Güter des täglichen Bedarfs drauf. «Früher habe ich auch Geld zur Seite gelegt, um meiner Schwester später den Besuch der Universität zu ermöglichen», erzählt sie. «Heute geht das nicht mehr.» Sie hätte selbst auch gerne studiert. Anders als die meisten anderen Arbeiter*innen spricht die junge Frau fliessend Englisch. Nüchtern sagt sie: «Es war die Zeit von Corona, meine Eltern hatten das Geld dazu nicht.»
Selbst On sagt in ihrem Nachhaltigkeitsbericht 2025, dass die nationalen Mindestlöhne oft nicht ausreichen würden, «um einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten». Und: «Wir sind der Überzeugung, dass jeder Arbeiter in unserer Lieferkette einen fairen, existenzsichernden Lohn verdient.» Die Markenfirma hatte 2023 das Ziel ausgegeben, dass bis Ende 2025 alle ihre Produzenten einen Existenzlohn zahlen – nicht eingeschlossen sind jedoch nachgelagerte Betriebe wie Yihong.
On räumt im neuesten Nachhaltigkeitsbericht ein, dass das Ziel bei jedem fünften direkten Zulieferer noch nicht erreicht sei. Wie gross die Diskrepanz zwischen den Zielen von On und der Realität ist, verdeutlicht Birga von KASBI Long Rich. Er erklärt, dass Maschinenbediener*innen in diesem Betrieb als Grundlohn nur gerade den gesetzlichen Mindestlohn erhielten.
Die entscheidende Frage ist dabei noch einmal eine andere: die nach der Höhe eines existenzsichernden Lohns. AFWA ist eine der führenden Akteurinnen in der Debatte. Zusammen mit asiatischen Gewerkschaften hat die Organisation vor rund 20 Jahren eine Berechnungsmethode für Existenzlöhne entwickelt, von denen die Arbeiter*innen die einfachen Grundbedürfnisse decken können (siehe Grafik). Aktuell kommt AFWA auf einen Wert von 9 Millionen IDR (400 Franken) pro Monat – also rund dreimal mehr als das, was Tita erhält.
Im Nachhaltigkeitsbericht nennt On mit der Global Living Wage Coalition (GLWC) und der Wage Indicator Foundation (WIF) zwei andere Berechnungsmethoden als Referenz. Die Firma lässt jedoch offen, von welchen konkreten Werten sie für Indonesien ausgeht. Nur von WIF gibt es für Cirebon eine öffentliche Berechnung, die etwa im Bereich des halben AFWAExistenzlohns liegt. Die Realität ist, dass sich viele Arbeiter*innen verschulden müssen.
Gemäss einer Studie von AFWA betrifft dies vier von fünf Menschen, die im Textilsektor in Indonesien arbeiten. Wiranta Ginting, Experte für existenzsichernde Löhne bei AFWA, sagt, dass entsprechende Zahlen für die Schuhproduktion fehlten; die Folgen der Löhne weit unter einem existenzsichernden Lohn seien jedoch überall dieselben: «prekäre Arbeitsverhältnisse, Abhängigkeit von übermässiger Überzeit, Verschuldung und anhaltende finanzielle Unsicherheit»
Wer standhaft bleibt,
kämpft um die Existenz
Für die Mitglieder von SBDI-KASBI geht es nach ihrer Entlassung erst einmal darum, überhaupt irgendein Einkommen zu haben. Yihong beginnt zwar kurze Zeit nach der Fabrikschliessung damit, Arbeiter*innen wiedereinzustellen – ausgenommen davon sind jedoch diejenigen, die sich weigern, aus der Gewerkschaft auszutreten. Für Suryana, Tita und anfangs 110 weitere Angestellte ist dies ebenso wenig eine Option wie die Kündigung zu akzeptieren. Damit erhalten sie nicht nur keine Abfindung, sie haben auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Es bedeutet einen Kampf um die Existenz. 48 werden im Laufe der nächsten Monate ihren Widerstand aufgeben und die Kündigung akzeptieren.
Gewerkschaft bittet um internationale Unterstützung
Aufgrund einer von SBDI-KASBI beim Arbeitsinspektorat eingereichten Beschwerde gegen die Kündigungen kommt dieses im Rahmen einer Mediation zum Schluss, dass die Entlassungen unrechtmässig waren. Es fordert die Firma auf, die Betroffenen wiedereinzustellen. Doch Yihong ignoriert die Aufforderung und verklagt ihrerseits die Führungspersonen von SBDI-KASBI wegen illegalen Streiks.
Im August entschliesst sich SBDI-KASBI, das internationale Netzwerk Clean Clothes Campaign (CCC) um Unterstützung zu bitten und einen Urgent-Appeal-Fall anzumelden. Es wird eine Gruppe gebildet, die sich des Falls annimmt. Auch Public Eye ist Teil davon, ebenso Darja, der nationale Koordinator von KASBI.
Die Gruppe beschliesst, sich an die Markenfirmen zu wenden, von denen KASBI dank Arbeiter*innen weiss, dass sie über die Fabrik Long Rich bei Yihong Schuhe bedrucken und färben lassen. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Under Armour bestreitet, dass Produkte von ihnen bei Yihong hergestellt werden. Asics entzieht sich der Verantwortung: Seit dem 15. März 2025 – also kurz nach der Massenentlassung – habe man nicht mehr bei Yihong produziert, und nun sei der Einfluss auf die Firma beschränkt. On, Brooks und New Balance antworten, dass sie den Vorfall untersuchen werden.
Yihong rudert zurück
Kurz darauf bricht das Auftragsvolumen gemäss Firmenleitung von Yihong um 60 bis 70% ein. On sagt gegenüber der CCC, sie würde ihre Aufträge sistieren, bis der Fall gelöst ist. Am 7. Januar wird bekannt, dass Yihongs Klage wegen des «illegalen Streiks» vom Arbeitsgericht abgewiesen wurde. Nun vollzieht die Firmenleitung eine Kehrtwende: In einem Treffen mit der Gewerkschaft am 16. Januar entschuldigt sie sich bei den Betroffenen und verspricht, die entlassenen Gewerkschafter*innen wiedereinzustellen.
Mit einer Verzögerung von zwei Wochen, die Darja, Suryana und ihre Mitstreiter*innen noch einmal an der Ernsthaftigkeit der Zusage zweifeln lässt, findet dann eine zweite Verhandlungsrunde statt, in deren Folge SBDI-KASBI und Yihong ein Abkommen unterzeichnen. Die Firma verpflichtet sich neben den Wiedereinstellungen auch dazu, den betroffenen Arbeiter*innen die durch die unrechtmässigen Entlassungen entgangenen Löhne von immerhin acht der elf Monate auszuzahlen sowie von weiteren Klagen abzusehen.
Es ist der Moment, als Suryana die Tränen kommen. Auch Tita kann es fast nicht glauben, wie sie erzählt: «Ehrlich gesagt hatte ich die Hoffnung verloren.»
Zum Aufatmen ist es allerdings noch zu früh. Denn die Reaktion der Markenfirmen hat die Firma zwar offensichtlich zum Umdenken bewogen. Doch die Arbeiter*innen fürchten, dass Yihong den Betrieb aufgrund des Auftragseinbruchs ganz einstellen könnte und die gesamte Belegschaft wieder ohne Arbeit dastünde. Die Befürchtungen sollten sich dann glücklicherweise als unbegründet herausstellen.
Yihong streut sich
Asche aufs Haupt
Am Montag, 6. April 2026, dem Tag, an dem die letzten 24 Arbeiter*innen neue, unbefristete Verträge unterzeichnen und an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, sitzen wir im Büro der Firmenleitung von Yihong. Neben den Führungspersonen von SBDI-KASBI sind auch zwei Vertreter von On mit am Tisch. Sie sind der Einladung von CCC gefolgt, an diesem Tag vor Ort präsent zu sein, und eigens aus Vietnam angereist.
Es ist der leitende Direktor von Yihong, der sich als Carter vorstellt und für seinen Chef Jack Feng, der kaum Englisch spricht, das Wort führt. Er beeilt sich, den Anwesenden zu erklären, dass sie geläutert seien. «Wir haben unsere Lektion gelernt!», sagt er immer wieder, und: «So ein dummer Fehler kann uns nie wieder passieren!» Es ist ein eindrücklicher Moment, der aufzeigt, was Suryana damit meinte, als er uns einmal sagte: «Für die Firmenleitung sind die Marken wie Götter.» Hatte Carter, 62, seit über 30 Jahren und bei verschiedenen Markenfirmen in China, Vietnam und Indonesien im Schuhgeschäft tätig, im ersten Gespräch mit Public Eye noch vor allem von «Missverständnissen» und «Kommunikationsproblemen» gesprochen, so ergeht er sich nun in Selbstkritik.
Wie zu sich selbst sprechend sagt er: «Die eigenen Arbeiter verklagen. So etwas Dummes!» On-Manager Martin Phan und sein Mitarbeiter, beide in ein On-Laufoutfit gekleidet, hören sich Carters Ausführungen geduldig an. Phan bestätigt, dass ihre Untersuchungen aufgezeigt hätten, dass das Unternehmen im Rahmen eines Aktionsplans Verbesserungen gemacht habe. Und er sagt Carter und seinem Boss, was er auch beim Besuch danach im Büro von SBDI-KASBI wiederholen wird: «Menschenrechte haben bei On oberste Priorität.»
Ende gut, alles gut?
Die drei Führungsleute der Gewerkschaft – Darja, Suryana und Krisma – bestätigen unisono, dass für sie das Abkommen erfüllt sei. Sie und ihre Mitstreiter*innen sind ein grosses Risiko eingegangen. Und sie haben einen hohen Preis bezahlt, indem sie ein Jahr lang um ihre Existenz bangen mussten. Für sie ist der Fall ein grosser Erfolg. Sie erhoffen sich, dass er Signalwirkung haben und die Bewegung unabhängiger Gewerkschaften in Indonesien stärken wird.
Bei Yihong gibt es derweil noch einiges zu verbessern. So berichten Arbeiter*innen von fehlender Schutzausrüstung, schwer zu erhaltenden Krankheitsdispensen oder mangelnder Zeit für Toilettengänge sowie die für die mehrheitlich muslimischen Angestellten wichtigen täglichen Gebete. Die Firmenleitung hat Besserung gelobt. Nun braucht es die Zusammenarbeit mit SBDI-KASBI, um die Umsetzung sicherzustellen.
Niki Gamara, Koordinatorin der Urgent Appeals in Südostasien, streicht das hartnäckige und mutige Engagement der Gewerkschafter*innen hervor. Zur Lösung des Falles sei aber auch entscheidend gewesen, dass mit On, Brooks und New Balance drei Markenfirmen auf die Verfehlungen ihres Sublieferanten reagiert hätten. «Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist leider noch immer die Ausnahme», so Gamara. Sie wünsche sich in Zukunft eine engere Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und involvierten Markenfirmen sowie einen fest installierten Mechanismus, mit dem Betroffene Fälle direkt melden können und schnell eine Lösung gefunden wird. Denn: «So aussergewöhnlich der Erfolg und so erfreulich die Lösung des Falles für die 64 wiedereingestellten Gewerkschafter*innen ist – für 48 weitere kam sie zu spät.» Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass die Verantwortlichen offenbar erst im Spätherbst 2025 durch die CCC von dem Fall erfahren hatten – dies, obwohl in indonesischen Online-Medien breit darüber berichtet wurde.
Jetzt muss On liefern
Um die Versprechen für soziale Verantwortung in ihrer Lieferkette einzulösen, müssen die Sportschuhfirmen dafür sorgen, dass die Arbeiter*innenrechte in allen Betrieben ihrer Lieferkette in Zukunft eingehalten werden. Der Senkrechtstarter On, der mit Swissness wirbt und behauptet, dass Menschenrechte bei ihm oberste Priorität hätten, sollte dabei vorangehen. Und die Firma muss das Versprechen einlösen, dass in ihrer gesamten Lieferkette wirklich existenzsichernde Löhne bezahlt werden – also nicht nur bei den direkten Zulieferern, sondern auch bei Sublieferanten.
KASBI hat On aufgefordert, das Protokoll zur Vereinigungsfreiheit zwischen Gewerkschaften und Markenfirmen zu unterzeichnen und sich auf Gespräche zu den Löhnen einzulassen (siehe Box). Es wären wichtige erste Schritte auf dem Weg dazu, auch all jene an den Gewinnen des milliardenschweren Sportschuhgeschäfts teilhaben zu lassen, die fernab von Swissness-Debatten die hochpreisigen Schuhe herstellen – zumindest so weit, dass sie genug verdienen, um in Würde davon leben zu können.
Was On sagt
In ihrer Stellungnahme erklärt On, das Unternehmen sei mit PT Long Rich im Gespräch, um die Lohnlücke zu schliessen. Und On sei dabei, die «Machbarkeit» einer Ausweitung ihres Ziels zu existenzsichernden Löhnen in ihrer Lieferkette auf Sublieferanten «zu prüfen». Zur Berechnung von existenzsichernden Löhnen hält On an einer Methodik fest, die zu deutlich niedrigeren Lohnzielgrössen kommt als jene des Gewerkschaftsbündnisses AFWA. On sei aber «bereit und interessiert», einen vertieften Dialog mit den Gewerkschaften sowie sie unterstützenden Organisationen zum Thema Löhne und Arbeiter*innenrechte aufzunehmen.
Zu den Vorwürfen von übermässigem Druck und Einschüchterung bei Long Rich sagt On, dass ihre letzte Untersuchung keine solchen Missstände aufgezeigt hätte, sie die Vorwürfe aber ernst nähme und ihnen in der nächsten Untersuchung nachgehen würde.
Weiter räumt On in der Stellungnahme ein, dass der Fall Yihong aufgezeigt habe, dass ihr Prüfungsverfahren der Betriebe in ihrer Lieferkette nicht genüge. Um sicherzustellen, dass sie in Zukunft rechtzeitig informiert wird, hätte sie eine externe Firma beauftragt, ein kontinuierliches Monitoring zu installieren, zudem würde sie das Beschwerdeverfahren in Fabriken verbessern.
Public Eye setzt sich dafür ein, dass Schweizer Unternehmen ihre Verantwortung zur weltweiten Achtung der Menschenrechte wahrnehmen.
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Impressum
Reportage und Text: Florian Blumer
Redigat: Romeo Regenass
Fotos & Videos: Muhammad Fadli/PANOS, Florian Blumer
Infographik und Karten: opak.cc
Webumsetzung: Tim Haag
