Vitol – die Erdölkönigin Kasachstans

Der Schweizer Rohstoffhandelsriese Vitol hat sich in Zentralasien dick ins Geschäft gebracht. Der Konzern vermarktete bereits 2014 fast ein Viertel des Rohöls, das Kasachstan exportierte – und erhielt dann auch noch Zugang zu den grössten Ölfeldern des Landes. Wie lässt sich solch ein Erfolg erklären?

Auf der Grundlage exklusiver Dokumente zeigt Public Eye auf, dass Vitol mittels eines diskreten Joint Ventures namens Ingma Holding BV Verbindungen mit Männern eingegangen ist, die den kasachischen Machthabenden nahe stehen – und dass Timur Kulibajew, der Schwiegersohn des Präsidenten, indirekt von diesem sehr lukrativen Bündnis profitiert hat.

Willkommen in Kasachstan

Der Kontext

«Dobro pojhalovat' v Kazakhstan!» – «Herzlich willkommen in Kasachstan» – einem Land, das fünfmal so gross ist wie Frankreich und dessen Boden so reich an Rohstoffen ist, dass er internationale Rohstoff- und Handelskonzerne wie ein Magnet anzieht. Kasachstan, das ist die Hauptstadt Astana mit ihren futuristischen Bauten, das sind aber auch Uran-, Nickel- und Kohlebergwerke, 240 Gas- und Ölfelder und die zwölftgrössten bekannten Rohölreserven der Welt.

Seit 1990 wird das Land vom mittlerweile 78-jährigen Nursultan Nasarbajew regiert, dem allmächtigen «Führer der Nation». Seit 2015, als er mit 97,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, darf er sich das Staatsoberhaupt mit der grössten Zustimmung weltweit nennen. Ein anderer Titel wird ihm weniger schmeicheln: 2014 wurde er vom Netzwerk «Observatoire géopolitique des criminalités» zum Diktator des Jahres gekürt, weil er es wie kein anderer verstehe, «die Ressourcen seines Landes zu seinem eigenen Vorteil zu plündern». Nasarbajews Familie kontrolliert zusammen mit einigen ergebenen Oligarchen ganze Sektoren der kasachischen Wirtschaft.

Erdöl im Dienste der Macht

In Kasachstan, das auf dem Korruptions-Index der NGO Transparency International unter 180 Ländern den Rang 122 einnimmt, ist Erdöl das wichtigste Gut: Es ist für 35 bis 50 Prozent der Staatseinnahmen und 57 Prozent der Exporterlöse verantwortlich. Nachgefragt wird es auch von der Schweiz: Im ersten Halbjahr 2017 stammten gemäss der Eidgenössischen Zollverwaltung 45 Prozent des von der Schweiz importierten Rohöls aus Kasachstan – nur aus Nigeria wurde noch mehr importiert.

Der kasachische Ölsektor wurde in den 1990er-Jahre teilweise privatisiert und für bedeutende ausländische Investitionen geöffnet. Aber der Staat – oder besser: der herrschende Clan – hat die Kontrolle darüber nie aufgegeben. Als Aktionärin der kostbarsten Ölschätze kontrolliert die Regierung drei Viertel der Ölpipelines des Landes und vergibt die Verträge zur Ausbeutung der Bodenschätze. Die Einnahmen daraus festigen die Macht und vergrössern den Wohlstand von Nasarbajews Familie und deren Verbündeten, die ohnehin längst kolossale Vermögen angehäuft haben.

Dank der Bodenschätze konnte der herrschende Clan riesige Vermögen anhäufen.

Der «Traumschwiegersohn»

Ein Mann hat sich an der Spitze der Öldynastie festgesetzt: Timur Kulibajew, der Ehemann von Dinara Kulibajewa, der mittleren der drei Töchter des Präsidenten. Im Januar 2018 wurde er von der kasachischen Ausgabe der Zeitschrift Forbes zum «Geschäftsmann des Jahres» gekürt. Sein Vermögen wird auf drei Milliarden Dollar geschätzt – und jenes seiner Frau nochmals auf etwa denselben Betrag.

Das Markenzeichen des einflussreichen Mannes ist es, staatliche und private Angelegenheiten immer wieder zu vermischen. Zwischen 1997 und 2011 war er in erster Linie hochrangiger Funktionär – unter anderem in der Geschäftsleitung der staatlichen Erdölgesellschaft KazMunayGas, dann beim Staatsfonds Samruk Kazyna, dessen Portfolio zu 62 Prozent aus Beteiligungen an staatlichen Öl- und Gasvermögen besteht. Zur gleichen Zeit verfolgte der Schwiegersohn des Präsidenten jedoch auch private Interessen ─ Erdölgeschäfte, die durch Dritte umgesetzt wurden, wie es die kasachische Gesetzgebung erlaubt.

Heute führt Kulibajew keine staatliche Funktion mehr aus und widmet sich ganz der Pflege seines privaten Imperiums. Doch er ist nach wie vor an der Spitze des mächtigen Energie-Lobby-Verbandes Kazenergy und hat so bis heute das Sagen über den kasachischen Ölsektor.

In diesem Umfeld, in dem die Grenze zwischen staatlichen Posten und lukrativen persönlichen Geschäften äusserst schwammig ist, hat sich ein Schweizer Rohstoffhandelsunternehmen seinen Weg an die Spitze gebahnt.

Vitol erobert das schwarze Gold

Vielleicht sagt Ihnen der Name Vitol etwas. Der weltweit grösste private Ölhändler ist mit einem Umsatz von 181 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auch das zweitgrösste Schweizer Unternehmen (hinter Glencore). Der Handelsgigant mit Firmensitz in Genf ist nie davor zurückgeschreckt, Märkte in Ländern zu erobern, in denen Korruption endemisch ist – sei es im Irak, in Libyen, Nigeria, Serbien oder Venezuela. Der heutige CEO Russell Hardy erklärte 2016 bescheiden, der Erfolg des Unternehmens sei auf Zukäufe sowie auf «Chancen, die durch externe Ereignisse bestimmt werden», zurückzuführen.

Kasachstan, das 1991 nach dem Fall der Sowjetunion unabhängig wurde, stellt da keine Ausnahme dar. Seit der Unabhängigkeit stand Vitol in den Startlöchern, um sich dort Marktanteile zu sichern. Fast drei Jahrzehnte später kann das Unternehmen auf einen eindrücklichen Aufstieg zurückblicken:

«Heute teilt sich Vitol den kasachischen Markt quasi mit chinesischen Unternehmen auf und lässt den anderen nur noch Krümel übrig»,
kommentierte ein Händler einer grossen Konkurrenzfirma, der anonym bleiben wollte.

Der Durchbruch

Zwischen 2015 und 2018 gelang Vitol der grosse Coup: Der Konzern erhielt den Zuschlag bei zwei Ausschreibungen der nationalen kasachischen Ölgesellschaft KazMunayGas (KMG). Inhalt der Deals: Insgesamt stellt Vitol 5,2 Milliarden Dollar an sogenannten «Vorfinanzierungen» – also Darlehen – zur Verfügung. Zurückbezahlt wird die Handelsfirma innerhalb der kommenden fünf Jahre mittels Öllieferungen aus den beiden Mega-Ölfeldern Tengiz und Kashagan, an denen KMG beteiligt ist. Ein solcher Vertrag – im Fachjargon ein «Cash-for-Crude-Deal» – bedeutet für Vitol einerseits einen privilegierten Zugang zum kasachischen Erdölhahn und andererseits hervorragende langfristige Beziehungen mit dem Staat.

Auf der Grundlage exklusiver Dokumente zeigt unsere Recherche auf, mit welchen Mitteln es Vitol in Kasachstan an die Spitze gebracht hat.

Einsichten aus den «KazakhLeaks»

Ein Daten-Leak enthüllt die ausführlichen und oft freundschaftlichen Gespräche zweier Vitol-Manager mit den Vertrauten des Präsidenten-Schwiegersohns.

Die Manager von Vitol schätzen es nicht besonders, wenn man mit ihnen über die Transparenz im Rohstoffsektor sprechen möchte. Im März 2018 sagte David Fransen, der Präsident von Vitol Schweiz:

«Unserer Meinung nach ist es wichtig, dass die Hauptmotivation (…) der Kampf gegen die Korruption ist und nicht die grundsätzliche detaillierte Offenlegung jeder von uns durchgeführten Transaktion.»

Genau im Namen dieser «Hauptmotivation» hat Public Eye ihre Recherchen durchgeführt.

Ganz getreu seinem Ruf als undurchsichtige «Black Box» hat der Konzern Vitol in der Vergangenheit höchstens tröpfchenweise über seine Geschäfte in Kasachstan Auskunft gegeben. Im Jahr 2013 warf die britische Nachrichtenagentur Reuters ein erstes Licht auf Vitols dominante Position: Der Konzern habe eine Marktnische gefunden, indem er die kleinen Fördermengen aller kasachischen Produzenten «aufsammle» und damit grosse Öltanker fülle. In einem Monat hatte das Unternehmen so neun Schiffsladungen im Wert von 700 Millionen Dollar erhalten. Und acht weitere sollten folgen. Vitols Erfolg beruhe auf einem überzeugenden Geschäftsmodell, sagte eine Sprecherin des Unternehmens damals gegenüber den Journalisten von Reuters. Bei Vitol sei man stolz auf eine «lange Geschichte der Partnerschaft mit der kasachischen Ölindustrie».

«Ganz getreu seinem Ruf als undurchsichtige «Black Box» hat Vitol bisher nur tröpfchenweise Auskunft über seine Geschäfte in Kasachstan gegeben.»

Die Vitol-Manager und die Millionäre

Worauf also beruht diese «lange Geschichte der Partnerschaft»? Ohne «Kazaword» wäre es kaum je möglich gewesen, diese Frage zu beantworten. Vom Sommer 2014 bis Ende 2016 veröffentlichte eine anonyme Internet-Plattform unter diesem Namen zahlreiche gehackte E-Mails und Dokumente aus den Mailboxen hoher kasachischer Beamter.

Hinter diesen «KazakhLeaks»» steckte wahrscheinlich der Bankier Mukhtar Ablyazov; ein Intimfeind von Präsident Nasarbajew, der von der kasachischen Justiz angeklagt wurde, Milliarden von Dollar veruntreut zu haben. Die Aktensammlung wirft ein grelles Licht auf die Praktiken des Regierungsclans in Kasachstans Hauptstadt Astana. Mehrere Medien berichteten in der Folge vor allem darüber, dass die kasachische Regierung eine Vielzahl von Lobbyisten angeheuert hatte, um ihr Image aufzupolieren – unter ihnen auch der ehemalige Schweizer Botschafter Thomas Borer. Die Authentizität der auf Kazaword veröffentlichten Dokumente wurde nie in Frage gestellt. Im Gegenteil: 2015 reichten die kasachischen Behörden Klage ein, weil sie durch die Leaks Opfer eines «massiven Hackerangriffs» geworden seien.

Vitols privilegierte Beziehungen

Dank Kazaword erhielten wir Einblick in die Korrespondenz, die hohe Vitol-Manager von 2009 bis 2015 mit zwei kasachischen Multimillionären führten: mit Dias Suleimenov und Daniyar Abulgazin, zwei Schwagern, die in den höchsten Sphären der Macht – und der Geschäftemacherei — zirkulieren.

Beide sind eng befreundet mit Timur Kulibajew, dem Schwiegersohn des Präsidenten. Wie dieser besetzten sie führende Positionen in den grossen staatseigenen Öl- und Gasunternehmen des Landes, ohne dabei ihr privates Unternehmertum aus den Augen zu verlieren. Nach dem Ausscheiden aus dem «Staatsdienst» arbeitete das hocheffektive Trio in privaten Ölgesellschaften und Energie-Lobbyverbänden weiter. Klar ist: Bei allen drei handelt es sich um «politisch exponierte Personen» – oder kurz «PEPs» – gemäss der Definition im Schweizer Geldwäschereigesetz.

Schweizer Banken müssen bei Finanzgeschäften mit solchen Personen spezielle Vorsicht walten lassen, da sie diesem Gesetz unterstehen. Für Rohstoffhandelsunternehmen dagegen gibt es weder ähnliche Vorschriften noch eine Sorgfaltspflicht. Für diese Konzerne sind «PEPs» nicht in erster Linie ein Risiko, sondern eine Chance auf lukrative Geschäfte, wie aus den auf Kazaword entdeckten E-Mails hervorgeht: Diese sind Zeugnis einer erstaunlichen Nähe von Vitol zu den Mächtigen des Landes.

« Privet Brat ! »

«Privet Brat!» –«Hallo mein Bruder!» – schreibt der damalige Vitol-Verantwortliche für Zentralasien und Russland in einer E-Mail vom 14. November 2011 an Daniyar Abulgazin. Dieser hat damals einen wichtigen Posten beim kasachischen Staatsfonds Samruk-Kazyna inne, der zu der Zeit von Timur Kulibajew präsidiert wird. Abulgazin ist verantwortlich für die Verwaltung von Öl- und Gasvermögen, einschliesslich jener des Unternehmens KazMunayGas.

Der Vitol-Manager bittet seinen «Bruder», einen Öl- und Steuerfall zu regeln, und gibt ihm gar gewisse Anweisungen. Er erwähnt zwei Sachen, «die für uns wichtig sind», ohne auszuführen, worum es sich handelt.

Aber der Ton in den Beziehungen zwischen Vitol und den hohen Sphären der kasachischen Macht ist jedenfalls gesetzt.

Die geheimnisvolle Ingma

Der unheimliche Erfolg eines unbekannten Joint Ventures, das aus einer Allianz zwischen Vitol und einer kleinen Offshore-Gesellschaft entstanden ist.

Auf eine echte Perle stossen wir in der Mailbox von Dias Suleimenov. Es ist eine kurze Nachricht von einem Vitol-Trader mit Sitz in London vom 27. April 2011. Im Anhang befinden sich die Jahresabschlüsse der Firma «Ingma Holding BV» für die Jahre 2009 und 2010.

Ingma Holding BV? In den Firmenbroschüren oder auf der Webseite von Vitol taucht der Name dieses auf den Ölhandel spezialisierten Joint Ventures nirgends auf. Doch wie wir herausgefunden haben, ist die Firma, die 2003 von Vitol in Rotterdam registriert wurde, der Schlüssel zum Erfolg des Genfer Handelsunternehmens in Kasachstan. Bislang war die Firma stets unter dem Radar geblieben. Oder zumindest fast.

Vor zwei Jahren erwähnte die britische Zeitung «The Independent» die Firma unter dem Namen «Ingma». Der Artikel wies auf die «undurchsichtige Natur» dieser Firmenstruktur hin, die Vitol geschaffen habe, um in Kasachstan zu investieren. Wer steckt hinter diesem Unternehmen mit dem skandinavisch klingenden Namen? Vitol bestritt im Artikel energisch, dass «der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew, sein Schwiegersohn Timur Kulibajew oder andere Personen, die ihre Position ihnen zu verdanken hätten, Begünstigte von Ingma» seien. Uns gegenüber gab Vitol genau dieselbe Antwort.

Der Geldautomat namens Ingma Holding BV

Die von Kazaword geleakten Informationen ermöglichen es uns zusammen mit weiteren Dokumenten, die wir uns beschaffen konnten, das Geheimnis um Ingma zu lüften. Was wir herausgefunden haben, ist verblüffend: Der Jahresabschluss 2009 zeigt, dass die unbekannte und unscheinbare Ingma in Tat und Wahrheit ein Firmenkonstrukt mit Vermögenswerten von über einer Milliarde Dollar ist. Sie verfügt über zehn Tochtergesellschaften, von denen vier in der Schweiz registriert sind ─ in Genf, Baar und Lausanne.

Ingma ist hauptsächlich im «Handel mit Rohöl und Erdölprodukten» tätig und hat alleine im Jahr 2009 einen Umsatz von fast acht Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 124 Millionen Dollar erzielt. Im Jahr 2010 springt der Umsatz gar auf 20 Milliarden Dollar, wie ein ungeprüfter Finanzbericht zeigt, den Vitol an Dias Suleimenov schickt. Das entspricht etwa zehn Prozent des Gesamtumsatzes von Vitol in diesem Jahr.

Mithilfe des niederländischen Handelsregisters konnten wir die Zahlen auch für die Jahre 2011 bis 2016 zusammentragen. Die Jahresberichte vor 2009 sind nicht mehr erhältlich. Insgesamt betrug Ingmas Umsatz zwischen 2009 und 2016 gemäss unseren Berechnungen 93,3 Milliarden US-Dollar, der Nettogewinn 1,1 Milliarden US-Dollar. Ein ehemaliger Banker, der auf den Handelsplatz Genf spezialisiert ist, meinte, als wir ihn mit diesen Zahlen konfrontierten:

«Solche Volumen, für ein kleines Privatunternehmen! Das ist gigantisch! Ich dachte, Sie reden hier von einer Tochtergesellschaft der KazMunayGas (der staatlichen Ölgesellschaft ─ Anm. d. Red.).»
Ein ehemaliger auf den Handelsplatz Genf spezialisierter Banker

Ein gewichtiger Akteur

Basierend auf den Einnahmen, die die kasachische Regierung gegenüber der Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) für die Jahre 2015 und 2016 angegeben hat, kommen wir zum Schluss, dass Ingmas Verkäufe schätzungsweise zwischen 18 und 20 Prozent der kasachischen Rohölexporteinnahmen ausmachten.

In einer auf Kazaword entdeckten Werbebroschüre, die bisher nie veröffentlicht wurde, gratuliert sich Vitol zu seiner «20-jährigen Erfahrung in Kasachstan». Auch die Zahlen in dieser Quelle haben es in sich: 2014 hat das Genfer Handelsunternehmen demnach 21 Prozent der von Kasachstan verkauften 62,45 Millionen Tonnen Rohöl vermarktet. Das entspricht im Durchschnitt etwa sieben Öltankern pro Monat. Ingma wird in der Broschüre zwar nicht explizit genannt, doch es ist klar, dass die Firma eine dominante Rolle dabei spielt.

Einen Ausschnitt der Werbebroschüre von Vitol herunterladen

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Üppige Dividenden

Ein weiterer höchst interessanter Fakt, der aus den Jahresberichten von Ingma hervorgeht: Das Joint Venture hat fast seinen gesamten Gewinn in Form von Dividenden ausgeschüttet. Zwischen 2009 und 2016 landeten mehr als eine Milliarde Dollar in den Taschen der Aktionäre und Aktionärinnen ─ und das ist noch nicht einmal der volle Betrag, da wir für die Jahre 2010 und 2012 keine Daten haben.

Aber wer sind diese mysteriösen Aktionäre?

Der Vertrauensmann

Wir stellen vor: Arvind Tiku. Einerseits Vitols Partner bei Ingma, andererseits Inhaber von Firmen, von denen indirekt auch Timur Kulibajew profitiert.

Es ist leicht, sich in den Windungen der Firmenstruktur der Ingma Holding BV und ihrer vielen Tochtergesellschaften zu verlieren, die in der Schweiz, aber auch in den Niederlanden, Luxemburg und Österreich registriert sind. Während sich Anzahl und Anteile dieser Tochterfirmen während der Jahre in erstaunlichem Tempo veränderten, ist die Kapitalstruktur des Joint Ventures jedoch relativ stabil geblieben.

Mehrheitsaktionärin von Ingma ist jetzt die Firma Oilex NV ─ eine kleine Gesellschaft, die 2002 in Curaçao, einem Steuerparadies auf den Niederländischen Antillen, registriert wurde. Oilex NV besass 51 Prozent der Anteile, während Vitol FSU BV, die niederländische Niederlassung von Vitol, die restlichen 49 Prozent hielt. Eine kuriose Allianz also zwischen einem weltbekannten Handelskonzern und einer obskuren Offshore-Gesellschaft.

Und wem gehört Oilex? Ende 2009 wurde der Hauptsitz des Unternehmens nach Luxemburg verlegt und der Name ihres Alleineigentümers im Handelsregister eingetragen: Arvind Tiku. Als er 2003 bei Ingma einsteigt, gibt sich dieser Geschäftsmann indischer Herkunft äusserst diskret. Doch er ist kein Neuling: Seine Firma «Nelson Resources Limited» ist an der Erschliessung mehrerer Ölfelder beteiligt. Und Tiku leitet auch eine Vielzahl anderer Offshore-Gesellschaften, die im Ölgeschäft tätig sind. Er ist der Vertrauensmann und Geschäftspartner von Timur Kulibajew.

«Ingma Holding BV? Eine kuriose Allianz zwischen einem weltbekannten Handelskonzern und einer obskuren Offshore-Gesellschaft».

Ein Duo im Visier der Justiz

Von September 2010 an geraten die Geschäftspartner Timur Kulibajew und Arvind Tiku in den Fokus der Justiz. Während die Ingma Holding BV Ölverträge im Wert von Milliarden von Dollar abwickelt, eröffnet die Schweizerische Bundesanwaltschaft ein Verfahren gegen den Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten und seinen indischen Partner ─ wegen Geldwäscherei. Timur Kulibajew und Arvind Tiku stehen im Verdacht, den preisgünstigen Verkauf von Öl-Assets in Kasachstan organisiert zu haben. Sie sollen Bestechungsgelder erhalten haben, die bei mehreren Schweizer Banken gelandet sein sollen. Mit Vitol haben die Vorwürfe nichts zu tun.

Das Verfahren sorgt zwar für einigen Aufruhr in der Öffentlichkeit, wird jedoch nach drei Jahren Untersuchung eingestellt, da die kriminelle Herkunft der Gelder nicht nachgewiesen werden konnte. Die Bundesanwaltschaft hatte in der Sache ihre kasachischen Amtskolleginnen und -kollegen um Unterstützung gebeten. Doch diese waren zum Schluss gekommen, dass der Schwiegersohn von Präsident Nasarbajew und sein Partner keinerlei Verbrechen begangen hätten. In einem Land, in dem die Justiz «von der herrschenden Elite kontrolliert wird» und in dem «Korruption in allen Phasen des Gerichtsverfahrens präsent ist» ─ wie in einem Bericht der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) nachzulesen ist ─, ist ein solches Verdikt kaum verwunderlich.

Mehrere Dokumente in den Gerichtsakten, zu denen wir Zugang hatten, zeigen, dass Arvind Tiku und Timur Kulibajew ihre jeweiligen Einnahmen und Investitionen vermischt haben. Das wiederum wirft die Frage auf, welche Rolle der Schwiegersohnes des Präsidenten in der Partnerschaft von Vitol mit dem indischen Geschäftsmann spielte.

Ein explosives Dokument

Ein Brief in den Akten ist datiert vom 23. Oktober 2008. Er ist adressiert an einen Banker der Credit Suisse. Der Absender: ein gewisser JN Gupta, der unter anderem auch Finanzkontrolleur von Arvind Tiku ist. Er schreibt im Namen des Schwiegersohns des Präsidenten, der eben zum Leiter des kasachischen Staatsfonds Samruk-Kazyna ernannt worden ist. Herr Gupta bittet um eine Fristverlängerung für die Rückzahlung eines Darlehens, das der Merix International Venture Limited, einer Offshore-Gesellschaft im Besitz von Timur Kulibajew, gewährt worden ist. Er versichert der Bank, dass der Rest des Darlehens «durch die Zahlung von Dividenden oder Darlehen unserer operativen Gesellschaften» zurückgezahlt werden wird.

Interessanterweise taucht in der Liste der sechs genannten «operativen Gesellschaften», die angeblich in Kulibajews Besitz sind, auch der Name «Vitol Central Asia» auf – eine Firma, die 2003 in Genf registriert wurde.

«Es handelt sich um ein JV (Joint Venture) zu 51 Prozent mit Vitol. Dieses JV transportiert kasachisches Rohöl über eine Pipeline zum Hafen am Schwarzen Meer. Die Absatzmenge beträgt über sechs Millionen Tonnen (pro Jahr – Anm. d. Red.)»,
Brief an die Credit Suisse

Das ist zwar eine Verkürzung, aber klar ist: Das besagte Joint Venture meint die Partnerschaft zwischen Oilex (51%) und Vitol (49%), also die Ingma, von der Vitol Central Asia eine Tochtergesellschaft ist. Interessanterweise verkauft Vitol Central Asia heute das gesamte für den Export bestimmte Rohöl aus dem Feld Airankol, das von der Firma Kaspyi Oil ausgebeutet wird, welche zu hundert Prozent Timur Kulibajew gehört.

Dem Schreiben zufolge ist der Schwiegersohn des Präsidenten eindeutig der indirekte Nutzniesser der profitablen Geschäfte von Vitol Central Asia beziehungsweise Ingma. Obwohl der Multimilliardär auf dem Papier kein Aktionär von Vitol Central Asia ist, scheint er bereit zu sein, die Dividenden aus seinen Geschäften mit diesem Unternehmen einzusetzen, um seine Bankkredite zurückzuzahlen. Führt Gupta die Credit Suisse in die Irre? Oder ist Arvind Tiku in Wirklichkeit nur ein Strohmann von Timur Kulibajew?

Von Public Eye kontaktiert, wünschte Arvind Tiku, nicht zitiert zu werden. Timur Kulibajew antwortete uns über den Lobbyingverband Kazenergy. Er beteuert, bei der parallelen Ausübung privater und staatlicher Tätigkeiten immer in Übereinstimmung mit den geltenden Vorschriften gehandelt zu haben. In Übereinstimmung mit dem kasachischen Recht habe er keine leitende Funktion in den Unternehmen, an denen er beteiligt sei. Er bestätigt, dass das Unternehmen Merix indirekt ihm gehört. Der Brief an die Credit Suisse enthält ihm zufolge jedoch unzutreffende Angaben. Im Schreiben wird beteuert: «Vitol Central Asia SA und Ingma Holding BV waren nie operative Gesellschaften von Herrn Kulibajew.»

Laut Vitol war «Merix International Ventures International nie Aktionär der Vitol Central Asia SA», und Timur Kulibajew nie Aktionär «von Ingma oder von deren Tochtergesellschaften». Die Rohstoffhandelsfirma bestreitet kategorisch, dass der Schwiegersohn des Präsidenten direkt oder indirekt von den Gewinnen des Joint Venture profitiert habe. Dies sei «von allen grossen internationalen Banken bestätigt» worden, die Ingmas Geschäftsaktivitäten finanzierten.

Doch die folgenden Kapitel unserer Recherche zeigen, dass die Dinge nicht so eindeutig sind, wie sie dargestellt werden.

« Follow the money »

Arvind Tiku legt sein Geld mit jenem des Schwiegersohns des kasachischen Präsidenten zusammen – in einem Trust bei der Credit Suisse, der fast 600 Millionen Dollar schwer ist. Mehr als 100 Millionen davon wurden von Vitols Partnerin Oilex eingezahlt.

Das Gerichtsverfahren gegen Tiku und Kulibajew wird zwar eingestellt – doch es deckt die Existenz eines im Jahr 2006 geschaffenen Trusts bei der Credit Suisse auf, in dem das Duo seine Gelder zusammenlegt. Zwischen Mai und August 2006 hat dieses Konstrukt, das einen Investmentfonds namens Handoxx beherbergt, fast 600 Millionen Dollar von drei Gesellschaften erhalten, von denen keine offiziell im Besitz von Timur Kulibajew ist. Darunter: Oilex NV, das Unternehmen, das zusammen mit Vitol Ingma besitzt. Oilex bezahlte dem Trust in zwei Raten mehr als 100 Millionen Dollar aus ihrem Konto bei der Genfer Niederlassung von BNP Paribas, wie aus einem Bankauszug in den Gerichtsakten hervorgeht.

Grosszügige Auszahlungen

Was geschah mit diesen Geldern? 2007 werden 283 Millionen Dollar aus dem Trust entnommen und in Form von zinslosen Darlehen des Investmentfonds Handoxx an Merix International Ventures übertragen, dem Unternehmen von Timur Kulibajew. Das Geld ermöglicht es dem kasachischen Milliardär, luxuriöse Anwesen in England zu erwerben; unter anderem die ehemalige Residenz von Prinz Andrew. Der äusserst grosszügige Arvind Tiku gewährt Merix zudem über Oilex ebenfalls ein Darlehen von 101 Millionen Dollar.

Vitol erklärte, man könne keinen Kommentar dazu abgeben, dass Vitol-Geschäftspartner Arvind Tiku einen gemeinsamen Trust mit dem Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten unterhalten hat, der direkt von Oilex gespiesen wurde, und dass Oilex dem Schwiegersohn neunstellige Beträge lieh. Dies deshalb, weil man weder Aktionär von Oilex noch des Trusts sei. Auch Arvind Tiku und Timur Kulibajew haben die diesbezüglichen Fragen nicht beantwortet.

« Business as usual ? »

Für die Strafuntersuchung hatte die Bundesanwaltschaft die Sperrung der Konten des Tandems Tiku-Kulibajew, einschliesslich derjenigen von Oilex, angeordnet. Die Konten wurden bis Mai 2011 eingefroren. Eine peinliche Situation für Vitol, dessen Verhaltenskodex ausdrücklich, besagt, dass man «weder Schmiergelder noch Korruption toleriert». Doch der Genfer Konzern hat seine sehr profitablen Geschäfte mit Arvind Tiku einfach fortgesetzt.

Einstieg des «Kameraden»

Mit Dias Suleimenov taucht ein neuer Mann bei Ingma auf. Auch er ist ein treuer Begleiter von Timur Kulibajew. Im Jahr 2011 erhält er 11,8 Millionen Dollar an Dividenden auf ein Konto bei der HSBC in Genf.

Kurz vor Ausbruch des juristischen Donnerwetters führte Ingma eine Kapitalumstrukturierung durch. Laut ihrem Jahresbericht hat Ingma 2009 für 45 Millionen Dollar das Ölhandelsunternehmen «Euro Asian Oil AG» übernommen, das Dias Suleimenov und möglicherweise Daniyar Abugalzin gehörte. Im Rahmen dieser Transaktion erwarb eine neue Gesellschaft, Omega Coöperatief UA, 2010 einen Anteil von zehn Prozent an Ingma. Die uns nun wohlbekannte Oilex Sàrl von Arvind Tiku, mittlerweile umbenannt in Xena Investments Sàrl, hält fortan noch 47,5 Prozent, Vitol FSU BV 42,5 Prozent.

Wem gehört Omega Coöperatief UA? Die Dokumente von Kazaword zeigen: Dias Suleimenov – also der Mann, dessen Mailbox gehackt wurde – ist einer der wirtschaftlichen Berechtigten dieses niederländischen Unternehmen, das mehreren Offshore-Gesellschaften gehört. Gemäss einer Person, die den Prozess aus der Nähe mitverfolgt hat, ist auch Daniyar Abulgazin an Omega beteiligt – wohl zu gleichen Teilen wie Dias Suleimenov. Dies, obwohl Daniyar Abulgazin noch bis 2012 in leitender Funktion beim kasachischen Staatsfonds Samruk-Kazyna tätig ist.

Im Schatten des Schwiegersohns

Von allen Partnern Timur Kulibajews ist Suleimenov zweifellos der treueste. Die beiden teilen die gleiche Liebe zu den schmucken Vororten von Genf, wo jeder seiner Frau ein schickes Zuhause gekauft hat, wenige Kilometer voneinander entfernt. Ende 2009 erwarb Dinara, die Ehegattin von Timur und Tochter des kasachischen Präsidenten, zum Preis von 74,7 Millionen Schweizer Franken einen Palast in Anières. Und Alina, die Ehefrau von Dias, kaufte ein Jahr später ein Grundstück in Cologny, wo sie ein riesiges Anwesen für geschätzte 40 Millionen Franken bauen liess, wie im Juni 2018 durch eine Reportage des Westschweizer Fernsehens bekannt wurde. Suleimenov verwaltet sogar einen Teil der laufenden Ausgaben von Timurs Ehefrau Dinara in der Schweiz, empfängt Rechnungen und Beschwerden, wie aus Kazaword hervorgeht.

Dias Suleimenov ist im Schatten von Timur Kulibajew aufgestiegen und arbeitete ab 2003 in der Logistikabteilung von KazMunayGas (KMG), bei dem Kulibajew damals die Nummer 2 war. Von 2004 bis 2006 war er Direktor des Handelshauses JSC KazMunayGas (THKMG) – einem Tochterunternehmen des Riesenkonzerns, das einen Teil von dessen Rohölexporten abwickelt und Büros in London, Lugano, Dubai, Singapur und Astana unterhält. Noch lange nach seinem Abgang stand Suleimenov gemäss Kazaword in Kontakt mit den Mitarbeitern der THKMG-Niederlassung in Lugano, als wäre er dort nach wie vor der Chef.

Die Leiden von Vitol

Am 7. Dezember 2009 schickt der Vitol-Verantwortliche für Zentralasien und Russland Suleimenov eine E-Mail ─ mit Kopie an Arvind Tiku ─ um sich über das Konkurrenzunternehmen Gunvor zu beschweren. Dieses habe «10 000 Tonnen russisches Rohöl» gekauft und wolle diese Ladung an das aserbaidschanische Staatsunternehmen Socar Trading liefern. Und zwar mit zwei Öltankern, die in Aktau stationiert sind, dem grössten Hafen Westkasachstans am Kaspischen Meer, in den Vitol investiert hat.

«Wir müssen das beenden. Es ist einfach verrückt. Entschuldigung, aber das ist ein grosses Problem und es ist absolut emblematisch für den Mist, der in Aktau gebaut wird und nun auch unser Geschäft und unsere Margen gefährdet. Bitte, was können wir tun, um das zu verhindern?»
Der Vitol-Verantwortliche für Zentralasien und Russland Dias Suleimenov

Wir wissen nicht, ob Suleimenov in der Lage war, das Problem zu lösen, und in welcher Eigenschaft er dies hätte tun sollen. Zu diesem Zeitpunkt verwaltet der Kasache die Firma Petroleum Operating LLP, ein privates Öllogistikunternehmen, an dem sein Schwager Daniyar Abulgazin und Timur Kulibajew beteiligt sind. Nach unseren Informationen hat er damals schon einen Fuss in der Tür von Ingma.

In seiner Antwort an Public Eye bestätigt Vitol, dass Xena Investment Sàrl (ehemals Oilex), Vitol FSU BV und Omega Coöperatief UA die Aktionäre des Joint Ventures Ingma Holding BV sind.

«Aufgrund der schweizerischen Datenschutzgesetze können wir Dritten keine Informationen über die mit Omega verbundenen Personen zur Verfügung stellen»
Antwort von Vitol

Dias Suleimenov liess uns über seinen Anwalt wissen, er wolle sich zum Thema nicht äussern,

«da es sich um Informationen über private Angelegenheiten handelt». Zudem beanstandet er die Veröffentlichung von Informationen, welche «nicht öffentlich zugänglich» sind. Denn diese hätten nur «mit rechtswidrigen Mitteln» erlangt werden können.

Daniyar Abulgazin hat die Fragen von Public Eye nicht beantwortet.

Ein lukrativer Deal

Der Deal ist sehr lukrativ für Omega, die nun ebenfalls am Festmahl teilnehmen kann, wie mehrere E-Mails eines Vitol-Managers an Dias Suleimenov zeigen. Am 13. Mai 2011 erhält Omega 11,5 Millionen Dollar an Dividenden von Ingma, auf ein Konto der HSBC Genf überwiesen durch die GE Artesia Bank, einer in Rotterdam ansässigen Finanzinstitution. Drei Wochen später werden diese Gelder an OP Trade überwiesen, eine Offshore-Gesellschaft, die Eigentümerin von Omega ist. Die Millionen landen auf Konten der Axion Swiss Bank, einer Tochtergesellschaft der Tessiner Kantonalbank.

Ein ehemaliger, auf Rohstoffhandel spezialisierter Banker erklärte uns gegenüber:

«Anstatt Kommissionen direkt an PEPs zu bezahlen, wird es immer mehr zur bevorzugten Lösung, mit ihnen Joint Ventures einzugehen und danach Dividenden auszuschütten. Dadurch vermeidet man, Provisionszahlungen verbuchen zu müssen. Alle Banker kennen diese Methode und müssen sich vor solchen Machenschaften hüten wie vor der Pest», findet er.

Unsere Schlussfolgerungen

Was ist aus dieser Geschichte zu lernen? Unsere Forderungen.

Ein Rohstoffhandelskonzern, der in einem Umfeld mit schwacher Rechtsstaatlichkeit tätig ist, hat zwei Möglichkeiten, um sich Marktanteile zu sichern. Beide sind riskant, und beide sind nur möglich, weil der Rohstoffhandel nicht reguliert ist.

Strategie Nr. 1

Die klassische Strategie besteht darin, das Risiko auszulagern, in dem man Vermittler für ihre Dienste bezahlt. Sobald diese Antikorruptionsklauseln unterzeichnet haben, liegt es in ihrem Ermessen, ob sie ihre Provisionen oder einen Teil davon an die Beamten weiterleiten wollen, die für die Vergabe des gewünschten Auftrags verantwortlich sind. Dies ist die Strategie, die etwa Gunvor in der Republik Kongo gewählt hat, wie wir 2017 in einer aufwändigen Recherche aufgezeigt haben. Im Rahmen dieses Falles führt die Bundesanwaltschaft gegen Gunvor ein Verfahren wegen «Organisationsmängeln».

Strategie Nr. 2

Ebenso gewagt ist die zweite Strategie. Sie besteht darin, sich über ein Joint Venture mit politisch exponierten Personen (PEPs) zu verbinden, die in der Lage sind, die Vergabe von Aufträgen zu beeinflussen. In Kasachstan hat sich Vitol ab 2003 für eine solche Allianz entschieden. Der weltweit grösste private Ölhändler konnte so über die Ingma Holding BV enorme Mengen an kasachischem Rohöl vermarkten. Zwischen 2009 und 2016 hat die diese unbekannte Firma Dividenden in Höhe von mindestens einer Milliarde US-Dollar für ihre Aktionäre erwirtschaftet, die zwischen Vitol und seinen Partnern aufgeteilt wurden: zuerst einzig mit Oilex-Besitzer Arvind Tiku, und dann, nach der Beteiligung von Omega im Jahr 2010, auch mit Dias Suleimenov und wahrscheinlich Daniyar Abulgazin. Unsere Recherche zeigt zudem, dass auch der Schwiegersohn des Präsidenten Timur Kulibajew indirekt vom Joint Venture profitiert hat ─ obwohl er auf dem Papier keinerlei Beteiligung hat.

Tatsächlich ein «angemessenes» Risiko?

Vitol räumt ein, mit Arvind Tiku, Dias Suleimenov, Timur Kulibajew und Daniyar Abulgazin eine direkte oder indirekte Geschäftsbeziehung unterhalten zu haben, und dass diese Personen zur Kategorie der «politisch exponierten Personen» (PEP) gehören. Der Konzern hält dies für mit seinem Verhaltenskodex vereinbar.

«Es ist angemessen und für Unternehmen oft notwendig, mit PEPs ins Geschäft zu kommen. Bei allen Transaktionen mit PEPs werden jedoch die Kontrollen (Due Diligence) verstärkt».
Antwort von Vitol

Vitol bestreitet kategorisch, dass Timur Kulibajew der direkte oder indirekte Begünstigte von Ingma ist oder war ─ und sagt gleichzeitig, man könne die finanziellen Beziehungen zwischen seinem indischen Geschäftspartner und dem Schwiegersohn des Präsidenten nicht kommentieren, da man weder Aktionär von Oilex noch des Trusts sei. Sollte man sich mit dieser Antwort zufrieden geben? Angesichts des Kontextes in Kasachstan, wo der herrschende Clan mit den nationalen Ölvorkommen ein kolossales Vermögen angehäuft hat, sagen wir eindeutig: Nein. Denn eine gründliche Sorgfaltsprüfung hätte zwangsläufig die enge Verbindung zwischen Tiku und Kulibajew zu Tage gefördert – spätestens ab 2010, als die Presse über das Verfahren in der Schweiz gegen die beiden zu berichten begann.

Ein widerlegtes Argument

Nach Angaben von Vitol haben die bei den Geschäftsaktivitäten von Ingma involvierten Banken nicht festgestellt, dass Kulibajew im Schatten von Arvind Tiku involviert gewesen wäre. Dies zeigt, wie schwach eines der Hauptargumente ist, das die Branchenlobby und auch die Bundesbehörden immer wieder gegen eine Regulierung ins Feld führen: dass der Rohstoffhandel indirekt von den Banken beaufsichtigt werde, welche die Aktivitäten finanzierten.

2011 hat die Wolfsberg-Gruppe, eine Vereinigung, in der sich dreizehn der grössten internationalen Banken unter anderem für die Bekämpfung von Geldwäsche zusammengeschlossen haben, die Grenzen der Aufsichtsmöglichkeiten von Banken aufgezeigt:

Es sei «äusserst selten, dass eine Bank den kompletten Prozess der Handelsfinanzierung in allen Details überprüfen kann». Denn die Banken arbeiteten einzig auf Basis von Dokumenten.

Anzufügen gilt es, dass diese Dokumente den Banken von den Rohstoffhandelsfirmen selbst geliefert werden.

Grundlegende Massnahmen

Der Fall von Vitol in Kasachstan verdeutlicht einmal mehr die Notwendigkeit, den Rohstoffhandelssektor verbindlich zu regulieren ─ auf drei Ebenen:

  • Bezüglich der Transparenz von Zahlungen an Regierungen
  • In Bezug auf Transparenz betreffend der wirtschaftlich Berechtigten eines Unternehmens
  • In Bezug auf eine Sorgfaltspflicht in den Geschäftsbeziehungen

Im Hinblick auf das hochriskante Geschäftsmodell von Unternehmen wie Vitol ist gerade dieser letzte Punkt von zentraler Bedeutung. Es ist höchste Zeit, dass den Rohstoffhändlern gesetzliche Sorgfaltspflichten im Geschäft mit politisch exponierten Personen auferlegt werden, um Korruptionsrisiken zu vermeiden. Die Einführung von Sorgfaltspflichten hätte eine doppelte Wirkung. Erstens präventiv, indem sie die Firmen zwingen würde, die richtigen Fragen zu stellen und ihre Praktiken zu dokumentieren. Und zweitens repressiv, da sie es ermöglichen würde, Verstösse zu ahnden.

Obwohl der Bundesrat die besondere Verantwortung der Schweiz als weltweit führender Handelsplatz anerkennt, hat er bislang keinerlei wirksame Massnahmen zur Eindämmung der damit verbundenen Risiken ergriffen. Anstatt korrupte kasachische Oligarchen und deren kolossale Vermögen mit offenen Armen zu empfangen, muss der Bundesrat mit einer Rohstoffmarktaufsicht endlich entschieden gegen den Schweizer Beitrag zum «Rohstofffluch» vorgehen.

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Recherche: Agathe Duparc und Camille Chappuis, in Zusammenarbeit mit Marc Guéniat und Andreas Missbach
Redaktion: Timo Kollbrunner
Online-Umsetzung: Floriane Fischer und Raphaël de Riedmatten, in Zusammenarbeit mit
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