Im Reich der Agrobarone

Eine Reportage von Public Eye – April 2019
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In keinem Land der Welt werden mehr Pestizide versprüht als in Brasilien. Und kein Konzern erzielt dort mehr Umsatz mit diesen Produkten als der Agromulti Syngenta aus Basel. Was bedeutet der massive Einsatz hochgiftiger Pestizide für die Menschen, die am Rande der schier unendlichen Soja-, Mais- und Baumwollfelder leben? Wir haben uns im Bundesstaat Mato Grosso auf die Spuren eines Geschäfts gemacht, das verheerende Folgen hat für Gesundheit und Umwelt. Doch wer darüber offen spricht, begibt sich in Gefahr.

Kerngesundes Gemüse, glückliche Familien aus aller Welt, engagierte Bäuerinnen und Bauern und wunderbare Landschaften. Alles unterlegt mit computergenerierten Rhythmen und Klängen, die die Bedeutung des Dargebotenen subtil unterstreichen. Dazu ein akkurat gescheitelter Herr mit stechend blauen Augen im dunklen Anzug, der seinen eindringlich dargebotenen Worten durch ausladende Gesten zusätzliches Gewicht verleiht. Das alles gibt es in nur einer Minute und zwanzig Sekunden auf dem Youtubekanal des Konzerns Syngenta aus Basel. «The future of sustainable agriculture» heisst das Video, «Die Zukunft nachhaltiger Landwirtschaft».

«The future of sustainable agriculture», Syngenta, 2018

Der Herr im Video ist Erik Fyrwald, der CEO von Syngenta. Er zeichnet das Bild einer Landwirtschaft, die Konsumentinnen und Konsumenten nicht nur mit «wunderbaren, sicheren, erschwinglichen und gesunden Nahrungsmitteln» versorgt, sondern dies in einer Weise tut, «die unsere Erde schützt». Und weiter: «Wir, Syngenta, sind uns bewusst, dass wir auf Bauern, Lebensmittelhersteller, Einzelhändler, NGOs und staatliche Regulierungsbehörden hören müssen», sagt er, «in einem offenen Dialog darüber, was nachhaltige Landwirtschaft wirklich bedeutet und wie wir zusammenarbeiten, um die richtigen Dinge geschehen zu lassen». Syngenta werde zuhören und das Gelernte «in Verpflichtungen umwandeln», um weiterhin dazu beizutragen, «die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Für unsere Kinder, unsere Enkelkinder und unzählige weitere Generationen.» Trommelwirbel.

Nun, Herr Fyrwald, wir sind froh, dass Sie uns zuhören. Denn wir haben Ihnen etwas zu sagen. Public Eye hat mehrere Monate recherchiert. Zu einem zentralen Geschäftsbereich Ihres Unternehmens, der sich äusserst schlecht vereinbaren lässt mit «unsere Erde schützen» oder «die richtigen Dinge geschehen lassen». Es geht um das ebenso undurchsichtige wie hochlukrative Geschäft mit hochgiftigen Pestiziden.

«Highly hazardous profits»: Fachbericht von Public Eye, April 2019.

«Highly hazardous profits»: Fachbericht von Public Eye, April 2019.

Public Eye hat die Pestizid-Verkaufszahlen einer privaten Marktanalyse-Firma mit den 310 Substanzen abgeglichen, die wegen ihrer grossen Risiken für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit auf der Liste der «hochgefährlichen Pestizide» des Pesticide Action Network (PAN) stehen. Und wir haben herausgefunden, dass im Jahr 2017 kein Konzern mehr Geld mit diesen Substanzen verdient hat als Ihr Unternehmen: schätzungsweise 3,9 Milliarden US-Dollar. 15 der 32 Pestizide, die Syngenta als ihre Bestseller präsentiert, stehen auf der Liste von PAN.

Wir haben uns auch angeschaut, wo Sie diese Pestizide verkaufen. Die Erkenntnis: Zwei Drittel des Umsatzes mit hochgefährlichen Pestiziden erzielt Syngenta in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen wegen schwacher Regulierungen zahlreiche Wirkstoffe nach wie vor verkauft werden dürfen, die in der Schweiz oder der EU nicht mehr zugelassen sind. Ist es wirklich das, Herr Fyrwald, was Ihrer Meinung nach getan werden muss, um die Welt zu einem besseren Ort für unsere Enkelkinder zu machen?

Leben zwischen Monokulturen

Unterwegs im Bundesstaat Mato Grosso

© Fábio Erdos/Panos Pictures

© Fábio Erdos/Panos Pictures

Zweieinhalb Mal die Schweiz – aus Soja

Um mehr zu erfahren über die Situation der Menschen, die an den Rändern der monströsen Felder leben, auf denen diese giftigen Pestizide in rauen Mengen ausgebracht werden, haben wir uns in den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso aufgemacht. Brasilien ist das Land, in dem weltweit am meisten Pestizide ausgebracht werden. Und es ist der grösste Markt für Syngenta: Alleine in Brasilien hat der Konzern 2017 nach unseren Schätzungen hochgefährliche Pestizide im Wert von einer Milliarde Dollar verkauft.

Brasilien ist der zweitgrösste Exporteur von Agrarrohstoffen nach den USA – und kein Bundesstaat produziert so viel davon wie Mato Grosso. 27 Prozent der brasilianischen Soja, 31 Prozent des Maises und 68 Prozent der Baumwolle werden im Bundesstaat angebaut. An der Soja lässt sich zeigen, wie rasch sich die kultivierte Fläche in den letzten zwanzig Jahren vergrössert hat: 1998 gab es in Mato Grosso 2,7 Millionen Hektar Sojafelder. 2008 waren es 5,6 Millionen, 2018 bereits 9,5. Zur Veranschaulichung:

Diese 9,5 Millionen Hektar sind exakt die richtige Grösse, damit alle rund 212 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer darauf gleichzeitig nebeneinander Fussball spielen könnten – regelkonform elf gegen elf, auf Spielfeldern nach offiziellen FIFA-Maximalmassen.

Hinzu kommen knapp fünf Millionen Hektar Mais und über 600 000 Hektar Baumwolle. In den letzten zwanzig Jahren wurden alleine in Mato Grosso 14,5 Millionen Hektar Amazonaswälder gerodet  – eine Fläche, dreieinhalb mal so gross wie die Schweiz.

64 Liter Pestizid pro Person

Die zum allergrössten Teil genmodifizierten Soja-, Mais- und Baumwollsorten gedeihen nur dank des intensiven, flächendeckenden Einsatzes von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden. In keinem Land der Welt werden mehr Pestizide versprüht als in Brasilien – knapp ein Fünftel davon in Mato Grosso. 2015 wurden im Bundesstaat gemäss Zahlen der Universidade Federal de Mato Grosso (UFMT) knapp 208 Millionen Liter Pestizide ausgebracht. Pro Einwohnerin und Einwohner sind das rund 64 Liter an Pestiziden. Von den 15 meistverwendeten Wirkstoffen werden elf von PAN als «hochgefährliche Pestizide» (in Englisch «Highly Hazardous Pesticides» oder HHPs) eingestuft.

Welche Folgen haben all diese giftigen Substanzen für die Gesundheit der Menschen, die hier leben?

Geht man dieser Frage nach, stösst man immer wieder auf einen Namen: Wanderlei Pignati, Professor an der UFMT in Cuiabá. Er und sein Team sind die einzigen, die sich in Mato Grosso seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema befassen. Sie haben in verschiedenen Studien aufgezeigt, dass es einen statistisch signifikanten Zusammenhang gibt zwischen Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen und dem Einsatz von Pestiziden in den jeweiligen Gemeinden Mato Grossos. Zudem besteht für Kinder, deren Eltern in Kontakt mit Pestiziden waren, ein deutlich höheres Risiko für Missbildungen.

Wanderlei Pignati, Professor an der UFMT in Cuiabá.

Wanderlei Pignati, Professor an der UFMT in Cuiabá.

Wanderlei Pignati, Professor an der UFMT in Cuiabá.

«Wir sind wie Ameisen, die gegen einen Löwen kämpfen.»

Antonio Lemos Correa

Antonios «spezielles Mädchen»

Wir wollten besser verstehen, was das bedeutet; inmitten von diesen monströsen Feldern zu leben, die fast unentwegt mit giftigen Substanzen eingesprüht werden. Wir wollten erfahren, was Ärztinnen und Ärzte sagen zu der Verbindung zwischen Pestiziden und bestimmten Krankheiten. Und wir wollten mit den Menschen sprechen, die von diesen negativen Auswirkungen direkt betroffen sind. Menschen wie Antonio Lemos Correa.

Wir treffen den 34-Jährigen in den Räumen der Associação de Espinha Bífida de Mato Grosso in Cuiabá. Spina Bifida ist eine angeborene Fehlbildung des Neuralrohrs im unteren Rücken, das zu Sehbeeinträchtigungen bis hin zu Querschnittlähmungen und zu einem Verlust der Kontrolle von Darm und Blase führen kann. Studien weisen auf einen Zusammenhang hin zwischen dem Kontakt der Eltern mit Pestiziden und der Wahrscheinlichkeit einer Spina-Bifida-Erkrankung des Kindes. Von all dem wusste Antonio nichts – bis seine Tochter Emanuelly geboren wurde. Schon die Schwangerschaft sei kompliziert gewesen, erzählt der Vater, und als das Mädchen schliesslich zur Welt kam, habe es am Rücken eine Zyste gehabt, «so gross wie eine Melone».

Stolz zeigt der Vater Bilder seiner Tochter auf dem Display seines Smartphones. Emanuelly in Ballettkleidern, mit Schienen an den Beinen, damit sie sich die Knöchel nicht bricht, die sie nicht spürt.

Stolz zeigt der Vater Bilder seiner Tochter auf dem Display seines Smartphones. Emanuelly in Ballettkleidern, mit Schienen an den Beinen, damit sie sich die Knöchel nicht bricht, die sie nicht spürt.

«Die Ärzte sagten, sie werde nie laufen können. Und sie tanzt Ballett. Ich danke Gott, dass er mir dieses spezielle Mädchen geschenkt hat», sagt Antonio, Vater der fünfjährigen Emanuelly.

«Die Ärzte sagten, sie werde nie laufen können. Und sie tanzt Ballett. Ich danke Gott, dass er mir dieses spezielle Mädchen geschenkt hat», sagt Antonio, Vater der fünfjährigen Emanuelly.

Die Ärztinnen und Ärzte hätten ihn gefragt, ob er in der Nähe von Feldern lebe. «Ja», sagte er. Ob er selbst mit Pestiziden in Berührung gekommen sei? Wieder sagte er «ja».

Antonio, der seine Familie heute mit dem Erlös aus dem Verkauf von Solarpanels zu versorgen versucht, arbeitete damals als Tagelöhner auf verschiedenen Farmen. Immer wieder auch als «Bandeira». Das sind jene Männer, die vor dem Durchbruch des GPS den Piloten der Agrarflugzeuge vom Boden aus mit Flaggen anzeigten, wo sie durchzufliegen hatten. Er habe jeweils eine Haube auf dem Kopf getragen und ein Hemd mit langen Ärmeln, sonst sei er nicht geschützt gewesen. Am Abend habe ihm oft der Kopf geschmerzt, und schwindlig sei ihm gewesen. Er habe keine Ahnung, welche Substanzen dort versprüht worden seien. Die Depots seien jeweils von bewaffneten Männern bewacht worden.

«Wie Ameisen gegen Löwen»

Die Fälle von Spina Bifida haben gemäss Antonio in den letzten Jahren massiv zugenommen. Und die meisten Kinder, die in Cuiabá behandelt würden, kämen aus den ländlichen Regionen mit intensiver Landwirtschaft. Alleine in seinem früheren Wohnort wisse er von über zehn Betroffenen. Jede Erkrankung sei individuell, sagt Antonio, «aber wenn es fast immer einen Link zu Pestiziden gibt, heisst das schon was, oder?», fragt er.

Die Organisation, für die er sich heute voller Elan einsetzt, kämpft für grössere Unterstützung der Betroffenen und für bessere Schutzmassnahmen, inklusive des Verbots besonders gefährlicher Pestizide. Und sie weibelt dafür, dass die Erkrankungen endlich spezifisch registriert werden, statt dass die Ärztinnen und Ärzte schlicht «Malformação» auf die Geburtsurkunde schreiben – und sie so endlich beweisen könnten, dass es eine unübliche Häufung von Spina-Bifida-Fällen gibt. Solange das nicht möglich ist, bleiben die wissenschaftlichen Erkenntnisse generellerer Natur.

Eine Studie, die Professor Pignatis Team 2016 im Bundesstaat Mato Grosso durchgeführt hat, zeigt etwa, dass das Risiko für Missbildungen bei Kindern über vier Mal höher ist, wenn deren Eltern in Kontakt mit Pestiziden waren, und noch höher, wenn der Vater in der Landwirtschaft arbeitete. «Aber die Barone des Agrobusiness kontrollieren hier alles, auch die Politik. Und sie haben kein Interesse daran, dass diese Verbindung ans Licht kommt», sagt Antonio. «Wir müssen tun, was wir tun», sagt er, «unsere Kinder brauchen uns. Aber wir sind wie Ameisen, die gegen einen Löwen kämpfen.»

Wanderlei Pignati und weitere brasilianische Expertinnen und Experten zu den Gesundheitsfolgen von Pestiziden:

Video: Maxime Ferréol (Public Eye), Kamera: Eduardo Martino (Panos Pictures).

«Da stimmt etwas ganz und gar nicht»

Elisangela Silva dos Anjos

Der Verdacht, dass Pestizide am Ursprung stehen der Erkrankung des eigenen Kindes. Und die Unmöglichkeit, sich dessen sicher zu sein, geschweige denn, es zu beweisen. Elisangela Silva dos Anjos kennt das gut.

Wir kommen im Innenhof der Associação Amigos da Criança com Câncer in Cuiabá, einer Organisation, die krebskranke Kinder unterstützt, mit der 36-Jährigen ins Gespräch. Elisangela lebt mit ihren drei Buben und ihrem Mann in einem Städtchen über 300 Kilometer nördlich, in Lucas do Rio Verde. Aber seit drei Jahren nimmt sie immer wieder den langen Weg auf sich, um hierhin zu kommen – zusammen mit dem mittleren ihrer drei Söhne, dem fünfjährigen Kalebi.

Kalebi war zwei Jahre und drei Monate alt, als er plötzlich starkes Fieber kriegte in der Nacht und am Morgen nicht mehr recht wach wurde. Er bewegte sich auch nicht mehr rund, zog sein Bein nach, war bleich im Gesicht. Auf der Notaufnahme sagte man ihr, das sei nichts Schlimmes, ein eingeklemmter Nerv vielleicht. Doch als sie ihm am Abend einen feinen Klaps auf den Arm gegeben habe und sich dort gleich ein grosses Hämatom gebildet habe, «da wusste ich, da stimmt etwas ganz und gar nicht». Im Spital in Rio Verde wurde das Blut des Jungen getestet – und Leukämie diagnostiziert. Kalebi kam in Cuiabá in Behandlung, erhielt eine Chemotherapie, bis die Krebszellen weg waren. Künftig muss er noch einmal pro Monat zur Kontrolle kommen, acht Jahre lang.

«Niemand wagt es, darüber zu reden»: Kalebi, Mutter Elisangela.

«Niemand wagt es, darüber zu reden»: Kalebi, Mutter Elisangela.

Dass bestimmte Pestizide das Risiko für Kinderleukämie erhöhen können, ist wissenschaftlich belegt. Eine in Spitälern von dreizehn brasilianischen Staaten durchgeführte Studie etwa zeigte für Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft mit Pestiziden in Kontakt kamen, ein erhöhtes Risiko, in den ersten beiden Lebensjahren an Leukämie zu erkranken. Sie hätten damals gleich neben einer Anlage gelebt, in der Baumwolle verarbeitet worden sei, erzählt Elisangela. «Unser Haus war immer voller Baumwollstaub.» Und ihr Mann, der als Mechaniker auf Landwirtschaftsbetrieben arbeitete, sei unvorsichtig gewesen, habe jeweils seine Söhne und sie umarmt, wenn er nach Hause gekommen sei, in den Arbeitskleidern, «er stank nach Chemie».

Auch der Sohn eines Ex-Arbeitgebers ihres Mannes, welcher eine Farm betreibe, und ein Mädchen aus der Nachbarschaft seien an Leukämie erkrankt. Es scheine ihr offensichtlich, dass ein Zusammenhang bestehe zwischen dem Pestizideinsatz in den Feldern rund um Lucas do Rio Verde und diesen Fällen, sagt Elisangela. «Aber niemand wagt es, darüber zu reden.»

Auf in die «Hauptstadt des Agronegócio»

Wir beschliessen, dorthin zu fahren, wo Elisangela mit ihrer Familie lebt. Nach Lucas do Rio Verde. An den Ort, an dem eine Mitarbeiterin des Wissenschaftlers Pignati im Jahr 2010 die Muttermilch von 62 Frauen untersucht hat – und in allen Proben Rückstände verschiedener Pestizide fand. Unter anderem wies sie in der Muttermilch sämtlicher Frauen Spuren von DDT nach – einer Substanz, die einst von Syngentas Vorgängerfirma Ciba-Geigy erfunden wurde und immer noch nachweisbar ist, obwohl sie in Brasilien seit 20 Jahren nicht mehr verwendet werden darf.

Je weiter wir uns von Cuiabá entfernen, desto kleiner werden die Bäume und grösser die Felder mit den in akkurate Linien gesetzten Genpflanzen. Jetzt, im Februar, wird entweder gerade noch die letzte Soja geerntet, oder es wird bereits für die Zwischensaison – die «safrinha» – Mais gepflanzt. «Mato Grosso» heisst übersetzt in etwa «dichtes Buschland», aber schaut man hier aus dem Autofenster, fände man einen anderen Namen treffender, so etwas wie «Campo Infinito» vielleicht, unendliches Feld.

Wir biegen ein auf die BR 163, die «Kornader» Mato Grossos, und überholen von da an zahllose unbeschriftete, staubige Lastwagen, die Soja in Richtung des fast 2000 Kilometer nördlich gelegenen Hafens Santarém transportieren. Dann passieren wir die ersten monströsen Silos, mit den Schriftzügen der grössten Agrarhändler der Welt, Bunge, Louis Dreyfus, Cargill, Cofco. Und schliesslich kommen wir an, in Lucas do Rio Verde, einem Städtchen mit gut 60 000 Einwohnern inmitten von Feldern, das Ende 2018 im Amtsblatt des Staates Mato Grosso offiziell als «Hauptstadt des Agronegócio» anerkannt wurde. Es riecht gerade nicht gut hier. Nach gärendem Heu, nur unangenehmer. Der Gestank kommt von den riesigen Sojasilos her. Es rieche hier oft so, sagt man uns.

Hühner, Schweine, Soja, Mais

Wie soll man Lucas do Rio Verde beschreiben? Man kann erzählen, was einem als erstes auffällt: Es ist das Städtchen mit der vielleicht weltweit höchsten Dichte an Reifenwerkstätten – für die Tausenden von Lastwagen, die sich hier Stunde für Stunde hindurchzwängen. Man kann den Ort auch anhand seiner beiden Maskottchen zu verstehen versuchen. Das eine heisst Luquinha und ist ein sechs Meter grosses Schweinchen in Kleidern. In der einen Hand hält es einen Maiskolben, in der anderen Sojabohnen. Das andere, «Preciosa», die Kostbare, ist ein naturalistisches Huhn von zehn Metern Grösse, eine Hommage an die Geflügelindustrie, thronend auf einem Kreisel ausgangs des Städtchens.

Maskottchen Luquinha und Preciosa.

Maskottchen Luquinha und Preciosa.

Folgt man dort der Strasse, passiert man den riesigen Schlachthof des brasilianischen Lebensmittelgiganten BRF, in dem 4500 Angestellte täglich 300 000 Hühner verarbeiten. Warum der Konzern hierhin zog, liegt auf der Hand: Das Mais und die Soja zur Mästung der Hühner wachsen gleich vor der Haustür. Die Chancen stehen gut, das auch Sie schon ein Hühnchen aus dieser Anlage auf dem Teller hatten: 2017 hat die Schweiz gemäss der Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung gut 45 000 Tonnen Geflügelfleisch importiert. Knapp 18 000 davon stammten aus Brasilien.

Das Schweigen der Ärztinnen und Ärzte

Doch am besten lässt sich Lucas do Rio Verde wohl beschreiben, wenn man von den Begegnungen mit den Menschen dort erzählt. Mit Claudiomir Boff etwa, dem Präsidenten der Landarbeiter-Gewerkschaft, von dem wir mehr erfahren möchten über den Pestizideinsatz hier und dessen gesundheitlichen Folgen. Wir sollten uns doch im Spital selbst ein Bild machen, schlägt er vor. Er könne das in die Wege leiten, schliesslich sei er auch der Präsident der Stiftung, die das Spital betreibt. Die zuständige Kollegin werde sich melden, sagt er.

Sie meldet sich nicht, und auch Claudiomir Boff geht nie mehr ans Telefon. Schliesslich machen wir uns auf eigene Faust auf zum Spital. Die Verantwortliche werde uns anrufen, verspricht man uns auch dort. Wird sie nicht. Auch zuvor schon, im Universitätsspital von Cuiabá, hatten wir umsonst versucht, mit Ärztinnen oder Ärzten sprechen zu können. Und, so viel sei vorweggenommen: Auch später im weiter nördlich gelegenen Sinop wird es nicht klappen. Der mögliche Zusammenhang zwischen Pestiziden und Erkrankungen ist offensichtlich kein Thema, zu dem sich das medizinische Fachpersonal der Region gerne öffentlich äussert.

Schädlingsgeplagte Strassenkreisel

Der Besuch im Spital von Lucas do Rio Verde ist trotzdem aufschlussreich. Denn gleich davor, auf dem Trottoir der Avenida Brasil, treffen wir auf einen Mann in Schutzanzug und Stiefeln, der gerade damit beschäftigt ist, eine Pestizidmischung anzurühren.

Er sei von der Stadt dafür angestellt, die Grünflächen auf den Mittelstreifen der Strasse und die Kreisel mit Pestiziden einzusprühen, sagt er uns. Denn manche der Schädlinge, die mittels Chemie aus den Feldern vertrieben werden, flüchten in die Stadt. Der Befall werde Jahr für Jahr grösser.

Das städtische Mittel der Wahl ist heute das Insektizid Engeo Pleno des Schweizer Konzerns Syngenta. Das Produkt enthält eine Kombination der Wirkstoffe Thiamethoxam und Lambda-Cyhalothrin. Lambda-Cyhalothrin ist unter anderem hormonaktiv und kann laut Syngentas eigenen Angaben akut Atemwege, Haut und Augen irritieren. Gemäss EU kann das Einatmen des Stoffes gar tödlich sein.

Das weiss vielleicht auch der städtische Angestellte. Aber mit den Gummihandschuhen will es ihm einfach nicht gelingen, die Schutzfolie aus Alu von der Pestizidflasche zu klauben. Also zieht er den Handschuh aus und drückt seinen nackten Daumen in das Alu, bis dieses nachgibt. Es spritzt. Auf seinen Händen und an seinen Handgelenken haben grosse Stellen keine Pigmente mehr. Das komme vom «Veneno», sagt er, dem Gift. Es jucke ziemlich dort. Auch sein böser Husten komme vom Hantieren mit den Pestiziden.

Der städtische Angestellte drückt seinen nackten Daumen in die Schutzfolie, bis diese nachgibt. Es spritzt. Auf seinen Händen und an seinen Handgelenken haben grosse Stellen keine Pigmente mehr. Das komme vom «Veneno», sagt er, dem Gift.

Klar würde er lieber etwas anderes machen, sagt der Mann, aber zur Schule gegangen sei er nicht lange genug und viele andere Jobs gebe es hier nicht. Dann zieht er seine Maske über und beginnt, den Rasenstreifen einzusprühen. Es riecht nach Chlor, angereichert mit einem ätzenden Beigeschmack.

«Unsere Natur ist verschwunden»

Darino da Silva

Am nächsten Tag fahren wir raus aufs Land, entlang der immer gleichen Felder. Wir wollen mit den Leuten reden, die an deren Rändern leben. In der allseitig von Äckern umgebenen Siedlung Groslândia halten wir vor einem einfachen Haus an.

Auf der Veranda sitzt der 50 Jahre alte Darino da Silva und geniesst seinen freien Tag. Wir sprechen ihn an, bald reicht er uns gekühltes Guaraná. Seit er zwölf ist – also seit 38 Jahren – arbeitet er auf Feldern, zwanzig Jahre nun schon auf dem gleichen Betrieb, nicht weit von hier. Das Einkommen reiche gut für ihn, sagt er, der seit zehn Jahren verwitwet ist. Seine Frau starb an einem Nierenversagen, eine Ursache wurde nie herausgefunden. Darino verliert kein schlechtes Wort über seinen Arbeitgeber, über die Gutsherren grundsätzlich, über die Agrarindustrie.

Aber er erzählt von den Bananen, die er hinter seinem Haus pflanzt. Wie sie seit fünf Jahren immer kleiner würden, jetzt gerade noch so gross seien wie ein Daumen. Er erwähnt den Limettenbaum, den er fällen musste, weil er verfault war.

Zwischen November und Februar, wenn auf den Feldern erst Soja und dann Mais wachse und am meisten Pestizide ausgebracht würden, sei der Schädlingsbefall auf seinen Pflanzen am schlimmsten. Und auch der Gestank in der Siedlung. «Wenn sie sprühen, schliesse ich alle Fenster», sagt er. Und die Nachbarn holten dann ihre Kinder in die Häuser. Diese beklagten sich oft über starke Kopfschmerzen, und immer mal wieder müsse eines von ihnen auf den Gesundheitsposten im Ort gebracht werden. Und Darino spricht von früher. Von den farbigen Aras, die ihn noch vor wenigen Jahren regelmässig hier im Garten besucht hätten.

«Hier, hier und hier», sagt er und zeigt rund um sein Haus, «war überall Wald». Dort habe er jeweils Wildschweine gejagt und Nagetiere. Heute sieht man nur noch Felder, bis zum Horizont, das nächste beginnt exakt 20 Schritte von Darinos Hausfassade entfernt.

Ein Pestizidfahrzeug dreht darauf seine Runden. Es hätten hier Tapire gelebt und Ameisenbären und Jaguare, erzählt er, die Regenfälle seien länger und stärker gewesen und die Temperaturen tiefer. Heute sehe man höchstens noch vereinzelte Kolonien von Wildschweinen, die auf der Suche nach Nahrung durch die Felder zögen, hin zum kleinen Streifen übrig gebliebener Bäume am Fluss in der Ferne. «Unsere Natur ist verschwunden», sagt Darino.

Gleich vor der Haustür wird gesprüht, Darios Bananen gehen ein. «Hier war alles Wald.»

Gleich vor der Haustür wird gesprüht, Darios Bananen gehen ein. «Hier war alles Wald.»

Spielerisches Lernen mit Syngenta

Auch bei einer Schule in der Nähe von Lucas do Rio Verde halten wir an. Sie ist umgeben von Sojafeldern, bis zu 50 Meter reichen sie an das Schulgelände heran. Kann das gesund sein? Die Direktorin empfängt uns nett, doch ihr Blick verfinstert sich sofort, als wir zum ersten Mal das Wort «Pestizid» aussprechen. Damit gebe es hier kein Problem, sagt sie bestimmt. Klar rieche man es, wenn diese ausgebracht würden, und nein, sie könne natürlich nicht sagen, dass es keinerlei Zusammenhang gebe zwischen Pestiziden und Gesundheitsproblemen. Aber den Kindern hier gehe es bestens. Und man müsse auch sehen, was die Landwirtschaft dem Ort gebracht habe. Früher habe es hier keine Strassenbeleuchtung gegeben, keine Klimaanlagen, sagt sie.

Als wir das Gespräch auf Syngenta bringen, sagt sie «wartet schnell», geht aus dem Büro und kommt gleich wieder herein, in den Händen hält sie einen Papierbogen. «Umweltspiel» steht darauf, auf der Rückseite prangt das Logo des Schweizer Multis. Syngenta klärt die Kinder in diesem über eine Stiftung in grosser Menge in Umlauf gebrachten Würfelspiel auf, mit welchen Mitteln die globale Ernährungssicherheit gewährleistet werden kann. Und was der Konzern unter dem Begriff «Umwelt» versteht: «Steigerung der Produktion im gleichen Anbaugebiet, bewusste Nutzung der natürlichen Ressourcen und Förderung der biologischen Vielfalt.»

Verbotenes Terrain

Während uns die Direktorin das Spiel präsentiert, hört unser brasilianischer Kollege draussen im Schulhof eine andere Geschichte. Eine Biologielehrerin sagt ihm, sie sei besorgt. Es gebe auffällig viele Kinder an der Schule, die an Autismus litten, und sie gehe sehr davon aus, dass das mit den Pestiziden zusammenhänge. Sie habe schon an einigen Schulen gearbeitet, und eine solche Häufung habe sie noch nie erlebt. Sie habe das Grundwasser in der Region testen lassen wollen, schliesslich aber wegen des Widerstands einiger Väter aufgegeben. Viele von ihnen arbeiteten in der Landwirtschaft. Es gebe hier Dinge, sagt sie, über die man nicht reden dürfe.

«Darüber spricht man hier nicht.» Wir hören diesen Satz so und so ähnlich einige Male. Vom Mann in einer Behörde etwa, der uns von Bauern erzählt, die an Magentumoren gestorben seien oder nach Vergiftungen an Gastritis litten. Und der sagt: Nein, er könne keinen Kontakt zu den Betroffenen herstellen, das wäre «zu gefährlich», das sei «territorio proibido», verbotenes Terrain. Oder von der Mitarbeiterin einer Krebshilfeinstitution, die erzählt, eine auffallend hohe Anzahl der Erkrankten, die sie betreuten, seien dort an Tumoren erkrankt, wo die Nahrung und das Wasser hindurch gingen, im Rachen, im Magen, im Darm. «Warum wohl», fragt sie, und ergänzt, sie persönlich sei überzeugt, dass die Krebserkrankungen damit zusammenhängen, «dass hier so viel Gift versprüht wird. Aber das darf man nicht offiziell sagen.»

Es gebe hier Dinge, sagt die Biologielehrerin, über die man nicht reden dürfe. «Darüber spricht man hier nicht.» Wir hören diesen Satz so und so ähnlich einige Male.

In verschiedenen Variationen hören wir die Klage, ein paar wenige würden mit diesen riesigen Fazendas immer reicher, während der Staat kaum Einkünfte generiere und auch noch für die Behandlung der Erkrankten aufkommen müsse. Dass kaum je etwas über die gesundheitlichen Folgen des Pestizideinsatzes berichtet würde, weil auch die Spitäler und die Medien in den Händen der Agrobarone oder von deren Freunden seien. Dass es «uma rede fechada» sei, ein geschlossenes Netz. Aber mit diesen Worten zitieren lassen will sich niemand.

Giftige Bestseller

Am Stadtrand von Lucas do Rio Verde erhalten wir einen visuellen Eindruck von der Menge der Pestizide, die in der Region verwendet werden. Im Annahmezentrum für leere Behälter sind Tausende Kanister aufgehäuft, um von zwei Männern in Schutzanzügen gepresst und danach je nach Material recycelt oder verbrannt zu werden. 2012 wurden hier über 700 Tonnen Pestizidbehältnisse entsorgt, liest man in Zeitungen, die damals über die «Vorzeigeanlage» berichteten. Auffallend viele der Container tragen die Aufschrift «Gramoxone» und das Logo von Syngenta. Der Wirkstoff des Herbizids ist Paraquat – tödlich, wenn eingenommen, höchst schädlich für Lungen, Haut und Augen, im Verdacht, Parkinson zu fördern und in der Schweiz seit mittlerweile dreissig Jahren verboten.

Syngentas Paraquat in der Recyclingstelle: 700 Tonnen Pestizidverpackungen pro Jahr.

Syngentas Paraquat in der Recyclingstelle: 700 Tonnen Pestizidverpackungen pro Jahr.

Es ist an der Zeit, der Frage nachzugehen, welche Rolle der Schweizer Konzern hier in der Region spielt.

Immerhin ist Syngenta gemäss unserer Recherche der Pestizidverkäufer Nummer eins – sowohl in Brasilien wie auch weltweit. Wir wissen, dass Syngenta in Brasilien 21 Wirkstoffe verkauft, die auf der Lise von PAN stehen und von denen neun in der Schweiz oder in der EU nicht zugelassen sind.

Und wir wissen auch: Syngenta verkauft in Mato Grosso mindestens vier Pestizidwirkstoffe – Atrazin, Ciproconazol, Propiconazol und Lambda-Cyhalothrin –, welche mit Fehlbildungen in Verbindung gebracht werden, und mit Glyphosat und Diuron mindestens zwei, die wahrscheinlich krebserregend sind. Alle sechs Wirkstoffe stehen auf der PAN-Liste der HHPs.

«Alle wollen Syngenta»

Also fahren wir eine Runde durch das Städtchen. Einen ersten Stopp legen wir bei Araguaía ein, einem der grössten Dünger- und Pestizidverkäufer in der Region. Klar, sie verkauften Syngenta-Produkte, sagt uns ein Mitarbeiter, der eben daran ist, den Laden zu schliessen. Am besten verkauften sich die Herbizide Primoleo – mit dem Wirkstoff Atrazin, der nachweislich den Hormonhaushalt stören, das Fortpflanzungssystem schädigen und das Risiko von Geburtsfehlern erhöhen kann und in der Schweiz seit 2007 verboten ist – und ZappQi (mit dem Wirkstoff Glyphosat) sowie das Fungizid Elatus und das Insektizid Engeo Pleno, das wir bereits kennen.

Am nächsten Morgen schauen wir bei Agrológica vorbei, einem von zwei offiziellen Syngenta-Vertriebspartnern in der Region. Ein Mitarbeiter hinter Stapeln von Pestizid-, Dünger- und Traktorprospekten erzählt uns begeistert, dass sie die Produkte von Syngenta seit 2016 im Angebot hätten. Man habe sich sehr gefreut über diese Partnerschaft. Denn Syngenta habe einen guten Namen – die Firma stehe für eher teure, dafür aber hochwertige Ware. «Alle hier wollen die Produkte von Syngenta verkaufen», sagt er. Als wir ihn nach den Bestsellern fragen, nennt auch er als erstes das Herbizid ZappQi. Zwischen hundert- und hundertzwanzigtausend Liter davon verkaufe man alleine hier in dieser Filiale pro Sojasaison. Dann rattert er eine ganze Liste herunter der am besten verkauften Syngenta-Pestizide: Sämtliche sechs hochgefährlichen Wirkstoffe, die mit Krebs und Fehlbildungen in Verbindung gebracht werden, zählt er auf.

Der Verkäufer rattert eine ganze Liste an Syngenta-Produkten herunter, die sich hier gut verkauften: Sämtliche sechs hochgefährlichen Wirkstoffe, die mit Krebs und Fehlbildungen in Verbindung gebracht werden, zählt er auf.

«Gehen wir da rüber, es stinkt nach Gift»

Antonio Carlos da Silva

Über den Wolken

Wir wollen noch an einem weiteren Ort versuchen, mehr zu erfahren über die gesundheitlichen Folgen des exzessiven Pestizideinsatzes: in Sinop, einer Stadt knapp 150 Kilometer nördlich von Lucas do Rio Verde und ein weiteres Zentrum des Agrobusiness. Aber auf dem Weg dorthin machen wir erst noch bei einem Hangar halt.

Antonio Carlos da Silva – der gleich klarstellt, dass sein Name also gar nichts mit dem inhaftierten Ex-Präsidenten Lula zu tun habe – sieht genauso aus, wie man sich einen brasilianischen Agrarpiloten vorstellen würde, wenn man das je täte: Karohemd, Goldkette, Jeans mit Sichtfenster, penetranter Sandelholzduft und kaum allein durch den Flugwind gestraffte Gesichtszüge. Er wird später noch vor uns unter den tief hängenden Stromleitungen durchfliegen. Er macht das gern, wenn Besuch kommt.

Das Geschäft laufe gut, sagt der Pilot Antonio Carlos da Silva.

Das Geschäft laufe gut, sagt der Pilot Antonio Carlos da Silva.

Das Geschäft laufe gut, sagt der Pilot Antonio Carlos da Silva.

Doch zuvor hält er uns vor seiner gelben Propellermaschine namens «Ipanema» einen kleinen Vortrag, wieso es grundsätzlich wenig Sinnvolleres gebe, als Pestizide per Flugzeug auszubringen. Er demonstriert, wie das Flugzeug nach jeder Applikation gereinigt und das Wasser aufbereitet werde. «Bei einem Traktor macht das niemand», sagt er. Nicht nur schaffe er in 20 Minuten 60 Hektar, zudem überfahre ein Traktor pro behandeltem Hektar im Schnitt Pflanzen für drei Säcke Soja, er dagegen keinen Halm.

Immer mehr Pestizide

Während Antonio spricht, sticht uns ein ätzender Gestank in die Nase: Er kommt vom grossen Bottich, in dem sein Mitarbeiter ein Pestizidgemisch anrührt. «Gehen wir dort rüber, es stinkt nach Veneno», sagt er. Wenn sogar dieser Mann von «Veneno», Gift, spricht, dann scheint eines klar: Zumindest auf semantischer Ebene stehen die Agrarindustrie und die ihr gewogene Politik bislang auf verlorenem Posten. Die derzeit im Parlament diskutierte, von Kritikern als «Giftpaket» bezeichnete Gesetzesrevision möchte nämlich nicht nur die Registrierung von umstrittenen Pestiziden erleichtern, sondern auch den Begriff «Agrotóxicos» eliminieren. Stattdessen soll künftig von «defensivos agrícolas» die Rede sein. Doch mit wem wir auch sprechen, alle sagen sie entweder «Agrotóxico», oder, häufiger noch, «Veneno».

Antonio arbeitet vor allem auf dem Land seiner Tante, manchmal wird er aber auch von Syngenta kontraktiert, um deren Felder, auf denen neue Sorten getestet werden, zu behandeln. Was er dort jeweils versprüht, wisse er nicht, sagt er, er erhalte die Produkte jeweils in unbeschrifteten Behältnissen. Sein Geschäft laufe gut, sagt Antonio, «es werden heute mehr Pestizide versprüht als früher». Fungizide etwa habe man vor 15 Jahren noch kaum anwenden müssen, weil es keinen Befall gegeben habe. Heute würden Soja und Mais etwa drei Mal pro Saison mit Fungiziden behandelt, Baumwolle gar bis zu zehn Mal. Und es seien immer mehr Insektizide nötig, weil die Schädlinge Resistenzen entwickelten. Zum Beispiel gegen das Syngenta-Produkt Engeo Pleno, das hier in mehreren Kanistern bereitsteht. «Dieses Jahr funktioniert es nicht mehr richtig», sagt Antonio. Jahrelang habe es formidable Dienste geleistet, doch mittlerweile seien zumindest auf diesen Feldern hier zu viele Schädlinge resistent.

«Man spürt es, klar»: «Giftmischer» Ney.

«Man spürt es, klar»: «Giftmischer» Ney.

Dann steigt Antonio in seine Maschine und rollt von dannen, und wir nutzen die Zeit, um uns noch kurz mit seinem «Doseador», dem Mischer, zu unterhalten, der sich als Ney vorstellt. Seit fünf Jahren arbeitet er auf der Farm, auf der er mit seiner Frau auch wohnt, und erledigt die Arbeiten, die anfallen. Von Oktober bis März heisst das in erster Linie: «misturar veneno», wie er sagt, Gift mischen. Er trägt Handschuhe und Stiefel, aber keine Maske, trotz des beissenden Gestanks. Klar, nach dem Mischen habe er schon mal etwas Husten und könne nicht ganz frei atmen. Schlimm sei das nicht, sagt er, es gehöre halt dazu, «aber man spürt es, klar».

Viel Geld, wenig Geschmack

Wir machen uns auf, weiter in Richtung Norden, vorbei am Städtchen Sorriso, das genauso wie Cuiabá und Lucas do Rio Verde den Titel «Hauptstadt des Agrobusiness» für sich in Anspruch nimmt, und an der davor liegenden Siedlung namens «Costa Brava», in der sich manche der Vermögendsten der Region hinter von Stacheldraht gesäumten Backsteinmauern in protzigen Anwesen eingerichtet haben.

Sinop begrüsst einen auf einem Plakat am Stadteingang mit dem Slogan «Hier ist die Gelegenheit für gute Geschäfte». In Bezug auf Syngenta scheint er seine Richtigkeit zu haben. An mehreren Gebäuden erkennen wir den Schriftzug des Konzerns. Ein Verkaufspartner hat sich sogar die Mühe gemacht, auf dem Eingangstor fein säuberlich die Markennamen von 20 Syngenta-Produkten aufzulisten, die er im Angebot hat. Nicht weniger als 15 davon enthalten Wirkstoffe, die vom Pesticide Action Network als «hochgefährlich» eingestuft werden.

Vor erst 45 Jahren mitten in die Amazonaswälder gehauen, hat Sinop heute gegen 150 000 Einwohner und ist umgeben von Feldern. Kirchen, Restaurants, Shoppingcenter oder die Gebäude der Agrarkonzerne – von aussen sehen sie alle praktisch gleich aus: viereckig, gross, anonym. Auf den Strassen scheint ein Wettrüsten um den grössten Pick-up im Gange, manche tragen das Konterfei des Präsidenten Jair Bolsonaro auf der Heckscheibe: «Brachial, rustikal und systematisch». Sein Slogan könnte auch für die Stadt stehen.

Auch Sorriso hält sich für die nationale Hauptstadt des Agrobusiness.

Auch Sorriso hält sich für die nationale Hauptstadt des Agrobusiness.

Luxus hinter Mauern: Reichensiedlung «Costa Brava» vor Sorriso.

Luxus hinter Mauern: Reichensiedlung «Costa Brava» vor Sorriso.

Liebe in Zeiten der Monokultur: Vorne Mais, hinten Motel, dahinter Sinop.

Liebe in Zeiten der Monokultur: Vorne Mais, hinten Motel, dahinter Sinop.

Anzeige eines «Giftausbringers» in Sinop.

Anzeige eines «Giftausbringers» in Sinop.

Auch Sorriso hält sich für die nationale Hauptstadt des Agrobusiness.

Luxus hinter Mauern: Reichensiedlung «Costa Brava» vor Sorriso.

Liebe in Zeiten der Monokultur: Vorne Mais, hinten Motel, dahinter Sinop.

Anzeige eines «Giftausbringers» in Sinop.

«Mehr Krebs, mehr Missbildungen, mehr Depressionen»

Gesundheitsexperte João de Deus da Silva Filho.

«Sprecht mit João»

Nein, Sinop ist kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Doch bevor wir ihn verlassen, wollen wir noch einen Mann treffen. Den Tipp hatten wir von einem Mathematikprofessor erhalten, der sich nebenbei in einer Kooperative engagiert, die biologische Lebensmittel produziert – auf einem der wenigen Flecken, auf denen dies hier der Boden überhaupt noch zulasse. «Sprecht mit João», hatte er uns geraten.

João heisst mit vollem Namen João de Deus da Silva Filho. Er ist 59 Jahre alt, Biologe und Experte für öffentliche Gesundheit und als solcher beim Gesundheitsministerium in Sinop angestellt. Er hat sich Notizen gemacht zur Vorbereitung, und nun zählt er in seinem fensterlosen Büro auf: Atemwegserkrankungen hätten zugenommen, immer mehr Menschen erkrankten an Haut-, Magen- oder Darmkrebs, auch Missbildungen, Fehlgeburten, Nierenschäden und Depressionen gäbe es immer mehr. «Wir sehen, dass mit der verstärkten Anwendung von Pestiziden die Anzahl dieser Fälle zunimmt», sagt João. Doch es sei kaum möglich, darüber in dieser vom Agronegócio dominierten Region eine Debatte zu führen. Aber er lasse sich den Mund nicht verbieten, «auch wenn man hier für so etwas erschossen werden kann».

«Zwei Dinge seien nötig, damit sich etwas ändere, sagt der Gesundheitsexperte João de Deus da Silva Filho. Erstens mehr wissenschaftliche Studien, zweitens kritischere Konsumentinnen und Konsumenten.»

Zweierlei sei dringend nötig, sagt er, damit sich etwas ändere. Erstens: mehr wissenschaftliche Studien. «Bisher gibt es ja fast nur jene von Pignati.» Denn wenn man zu den Auswirkungen von Agrotoxicos forschen wolle, kriege man dafür kaum je Geld. Der Staat müsse die Finanzierung von Studien sicherstellen, und in den Schulen müsse über die Gefahren von Agrotoxicos unterrichtet werden, fordert er, damit ein Bewusstsein, eine Debatte entstehe. Und zweitens müssten die Konsumentinnen und Konsumenten aufwachen. «Wenn jene, die unsere Soja und unseren Mais kaufen, sagen würden: ‹Wir wollen saubere Ware›, dann würde sich wohl etwas ändern. Solange es ihnen egal ist, kaum.»

«Nur noch Wüste»

Dann will uns der Biologe noch etwas zeigen. Er steigt in seinen Wagen und lässt uns ihm folgen, hinaus aus Sinop, einem geraden Weg entlang, mitten durch Baumwollfelder. In der Nähe des Flusses Telespíris steigen wir aus. All das seien einst Territorien Indigener gewesen, erzählt João. Heute sieht man nur noch Felder, und all die Pestizide, die darauf versprüht würden, landeten hier im Fluss. Wenn nicht bald Gegensteuer gegeben werde, «dann werden die Lebensräume der Indigenen weiter schwinden, die Felder weiter wachsen, der Einsatz von Pestiziden weiter steigen und die Todesraten weiter raufgehen». Aber Anlass zur Hoffnung gebe es kaum. «Denn jetzt haben wir einen Verrückten an der Spitze der Regierung.»

Jair Bolsonaro hat als eine seiner ersten Amtshandlungen die Verantwortung über die für die Zuteilung von Land an Indigene und Bauern zuständige Behörde dem Landwirtschaftsministerium übertragen. Als Agrarministerin setzte er die Agronomin Tereza Cristina ein, die sich durch ihren unbeirrten Einsatz für die Lockerung der Registrierungsanforderungen für Pestizide den Spitznamen «Musa do Veneno» oder Giftkönigin erarbeitet hat. Unter ihrem Vorsitz hat das Ministerium seit Anfang des Jahres bereits 121 neue Pestizidprodukte freigegeben.

Die Anbaufläche für die pestizidintensive Baumwolle wächst in rasantem Tempo. Und die brasilianische Regierung geht in ihrem «Investorenführer» davon aus, dass sich die Menge an produzierter Soja in ganz Brasilien von heute 114 Millionen Tonnen bis 2027 auf 288 Millionen Tonnen erhöhen wird. Nein, es spricht derzeit kaum etwas für eine Trendwende hin zu nachhaltigeren Anbauformen oder zu einem moderateren Einsatz von Pestiziden in absehbarer Zeit. «Aber wenn wir einfach so weitermachen», sagt João de Deus da Silva Filho und weist mit seinem Blick in Richtung der unendlichen Felder, «dann ist das alles hier in fünfzig Jahren nur noch Wüste.»

Unsere Forderungen

Um künftige Generationen zu schützen, ist es unabdingbar, dass die giftigsten Pestizide vom Markt genommen und durch sicherere Alternativen ersetzt werden.

In einer Petition fordert Public Eye Syngenta dazu auf, sich zu verpflichten, die Produktion und den Verkauf hochgefährlicher Pestizide einzustellen. Danke, wenn auch Sie unterschreiben!

Die Verantwortung der Schweiz

Als Sitzstaat der weltweit führenden Pestizidverkäuferin und als Produktionsstandort steht auch die Schweiz in der Verantwortung:

  • Sie muss den Export von Pestiziden verbieten, die hierzulande wegen ihrer Gefahr für Gesundheit oder Umwelt verboten sind, wie es eine Motion der Genfer Nationalrätin Lisa Mazzone (Grüne) verlangt.
  • Angesichts des offensichtlich fehlenden Willens von Konzernen, auf freiwilliger Basis Verantwortung zu übernehmen, muss zudem eine verbindliche Sorgfaltsprüfungspflicht, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative vorsieht, gesetzlich verankert werden. Zudem muss sich die Schweiz für ein verbindliches internationales Abkommen zu hochgefährlichen Pestiziden einsetzen.

Jetzt Petition unterschreiben!

Mehr Informationen zum Geschäft mit «hochgefährlichen Pestiziden» finden Sie hier.

Globale Gerechtigkeit beginnt bei uns

Public Eye schaut dort genau hin, wo Konzerne lieber im Verborgenen agieren und die Politik dies zulässt, und engagiert sich für die Menschen, deren Rechte durch die wirtschaftlichen Tätigkeiten von Schweizer Unternehmen bedroht sind.

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Text: Timo Kollbrunner, Public Eye
Bilder: Lunaé Parracho/Reuters, Fábio Erdos/Panos Pictures
Webumsetzung: Floriane Fischer, Public Eye
Mitarbeit: Carla Hoinkes, Laurent Gaberell, Géraldine Viret und Maxime Ferréol, Public Eye - Luana Rocha, Repórter Brazil